Dienstag, 30. September 2008

Am Ende eines Sabbatjahres




Mit dem heutigen 30. September, dem 1. Tischri im jüdischen Kalender, beginnt in Israel das neue Jahr 5769. Nach orthodoxer Zählung ist es auch der Anfang eines neuen Zyklus von sieben Jahren, an dessen Ende 5775 ein Sabbatjahr steht. In einem solchen Jahr lassen die frommen Juden ihre Äcker ruhen und ihre Fruchtbäume und -sträucher unabgeerntet. Am Ende dieses Sabbatjahres shmita soll sogar eine Schuldenerlaß für alle Menschen im Land ausgesprochen werden. Die englische Ausgabe von Wikipedia hat über dieses shmita-Jahr viele detaillierte Informationen.

Gestern, sozusagen am jüdischen Silvester, ist das Sabbatjahr des letzten shmita-Zyklus zu Ende gegangen. Der Kommentator der Jerusalem Post ist mit der festen Erwartung zu Bett gegangen, daß es am Ende dieses Sabbatjahres ein globales shmita mit einem Erlaß von $ 700.000.000.000,- für das amerikanische Finanzsystem geben würde, und das ausgerechnet an dem Tag, der genau den orthodoxen Vorschriften entspricht.

Heute morgen konnte er und wir alle mit Schrecken nachlesen, daß der amerikanische Kongreß 228 : 205 gegen den Schuldenerlaß gestimmt hat. Keine gelungenes Ende eines Sabbatjahres also.

Das Zusammenfallen von shmita und Kongreßbeschluß kann unangenehme Assoziationen heraufbeschwören. Was wäre, wenn die Kongreßabgeordneten sich in Kenntnis der jüdischen Gebräuche gegen einen Schuldenerlaß ausgesprochen haben? Sie wissen zumindest um das jüdische Neujahr heute, es ist ein freier Tag für den Kongreß*. Haben sie vielleicht unter Anderem auch deshalb gegen das Entschuldungspaket gestimmt, um zu zeigen, daß man nicht bereit ist, für die Juden einzutreten und Steuergelder zu opfern? Immerhin gibt es diffuse Querverbindungen zu den Ressentiments gegen Wall Street, die dunklen Figuren hinter dem ganzen Finanzskandal sind vielfach jüdischer Abstammung - im Zentrum Alan Greenspan, der langjährige Chef der Zentralbank, dessen aufgedrehter Geldhahn angeblich für die Misere verantwortlich ist, ebenso Ben Shalom Bernanke, sein Nachfolger mit dem Rabbi-Bart.

Man könnte an die unterlassenen Hilfeleistungen für die Juden im Zweiten Weltkrieg erinnert werden. Ganz offenkundig hat man damals seitens der USA jüdische Emigration behindert, hat militärische Einsätze wie die Bombardierung des Schienenweges nach Auschwitz unterlassen, weil man den Krieg nicht für die Juden führen wollte. Eine breite antisemitische Strömung in den USA (mit Henry Ford als prominentestem Sprecher) hätte der Regierung große Probleme bereitet, wenn auch nur der Anschein erweckt worden wäre, es würden amerikanische Soldaten für jüdische Interessen ihr Leben lassen.

Dies mit dem gestrigen Ende des Sabbatjahres und dem Schuldenerlaß für die Finanzmärkte zu verbinden, ist sehr weit hergeholt, ich weiß. Aber es bleibt eigenartig, wie sich in diesen historischen Stunden Dinge untereinander verbinden.

*Spiegel-online beschwert sich sehr darüber, daß deshalb heute die Abgeordneten für zwei Tage nach Hause gefahren sind.

1 Kommentar:

Peter Oberschelp hat gesagt…

Eben lese ich, daß heute an der Wall Street bereits das Doppelte der geplanten Rettungssumme an Börsenwert verbrannt ist. Man kommt nicht mehr mit. Und wenn ich dann überlege, wie kleinlich immer an meinem Gehalt geknapst worden ist,und jezt die Rente!