Donnerstag, 15. Dezember 2011

Das Schaf des Großvaters


Mein Großvater baute nach dem Krieg sein von Bomben zerstörtes Haus in der Nordstr. 82 wieder auf. Durch Hinzunahme von bis dahin unbebauten Nachbargrundstücken entstand die Häuserzeile 76 – 86, in deren erstes Haus meine Eltern mit mir und meiner Schwester Sigrid im Jahre 1952 einzogen.
Am Giebel des Hauses hatte der Opa einen etwa 6 m hohen guten Hirten aus Eisenbändern anbringen lassen, den ein künstlerisch versierter Schlosser nach den Linien einer Vorlage hergestellt hatte.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Zehn kleine Unsinnigkeiten (Zusammenfassung aus meinen Facebook-Posts)


In Facebook habe ich im Oktober 2011 zehn kurze Weisheiten veröffentlicht, jeden zweiten Tag eine, im November dann die hier gleich nachfolgen Unsinnigkeiten, sozusagen als Gegenprogramm. Beide sollen auf ihre Art Zeugnis davon ablegen, dass Weisheit und Unsinn sich wie Planeten um eine helle Sonne drehen, die unser Leben mit Licht und Wärme erfüllt.

Freitag, 25. November 2011

Weiteres Tonmaterial zum Tod meines Großvaters

Gerne möchte ich meinen vorigen Blogeintrag hier noch etwas ergänzen und weitere Tonbandabschnitte ins Netz stellen. Mir ging es beim ersten Hören des Tonbandes so, dass ich eigentlich nur die pathetische Rhetorik bemerkt und dabei das gestalterische Geschick des Großvaters übersehen habe. Während des Schneidens habe ich dann aber Einzelheiten entdeckt, die nach meinem Eindruck bemerkenswert sind, weil sie eine mich überraschende Gestaltungsfreiheit des Großvaters belegen.

Dienstag, 22. November 2011

Die letzten Minuten meines Großvaters


Vor ein paar Wochen habe ich über den eigenartigen Tod meines Großvatrers hier im Blog berichtet. Mittlerweile habe ich aus der Gemeinde Hunsheim die Tonbandaufzeichnung bekommen, auf der die Rede zu hören ist, die er wenige Minuten vor seinem Tod hält, aber auch der Moment, in dem sich wenig später der nächste Redner unterbricht und man im Hintergrund hören kann, wie der vom Schlag getroffene Großvater hinausgetragen wird.

Freitag, 11. November 2011

Eine kurfürstliche Grabstätte wiederentdeckt



 Mit etwas Wikipedia läßt sich eine Meldung des Remscheider General-Anzeigers aus meinem lieben Altenberger Heimatdom im Bergischen Land schnell ergänzen: die wiedergefundene Grabplatte gehört zum Grab eines Herzogs von Berg und seiner aus einer kurfürstlich Brandenburgischen Familie stammenden Frau Sybille.  Ihr Vater, Ihr Bruder, Ihr Neffe usw. waren jeweils Kurfürsten der immer erfolgreicher werdenden Preußen, wie man sie später nach Zuerwerb der preußischen Gebiete nennen wird. Sechs Generationen nach ihr wird in ihrer Familie der „Große Kurfürst“ und drei weitere Generationen später Friedrich der Große geboren.

Donnerstag, 10. November 2011

Zehn kleine Weisheiten (Zusammenfassung aus meinen Facebook-Posts)



In Facebook habe ich im Oktober 2011 zehn kurze Sätze veröffentlicht, jeden zweiten Tag einen. Sie sind mir alle irgendwann einmal als gute Ratschläge in meinem Leben gegeben worden. Die Hälfte davon wurde mir im persönlichen Gespräch weitergegeben, die andere Hälfte der Sätze ist allgemein bekannt; einer stammt aus der Bibel.


(I)
Ich beginne mit einer kleinen eher bäuerlichen Familienweisheit, die der Schriftsteller John Updike (1932 – 2009) von seinen Vorfahren übernommen hat:

Streiche die Butter auf den Rand zu, es kommt ganz von alleine genug in die Mitte.
(Butter towards the edges, enough gets into the middle anyhow).

Donnerstag, 3. November 2011

Ein schönes Lob


Tochter Eva ist nach zwei Konzerten in Leverkusen und Kiel wieder in Berlin zurück und schickt mir diese schöne Lobeshymne einer Rezensentin der "Kieler Nachrichten"


Zerbrechlich und stringent

Sängerin Eva Jagun mit ihrem Debüt „My Blue Hour“ im KulturForum

Von Almut Behl

Kiel. Bescheidenheit ist eine Zier. Und was für eine! Eva Jagun steht im marineblauen Mini auf der Bühne wie dereinst die blutjunge Marianne Rosenberg. Ihr Charme wirkt schüchtern, mädchenhaft, introvertiert, ihre

Dienstag, 1. November 2011

Mit Goethe in kleiner Runde



Erinnerungen an den 1. November 1991, heute vor 20 Jahren

Jeder träumt davon, einmal im Leben mit einem berühmten Mann, sagen wir: Goethe, in kleiner Runde zusammen zu sitzen und diesen ganz persönlich fragen zu dürfen: "Sagen Sie mal, Herr Goethe, was haben Sie sich eigentlich dabei gedacht, als Sie..." Mir ist das einmal im Leben passiert, zwar nicht mit Goethe, logisch, aber immerhin mit dem in seiner Beherrschung der deutschen Sprache an Goethe heranreichenden Schriftsteller Ernst Jünger. Mir ist bewußt, daß ich jetzt eine Geschichte erzähle, deren Zweck es sein könnte, mich in ein besonders günstiges Licht zu stellen. Aber da sonst niemand in meinem Umkreis etwas erzählen will, fange ich hier einfach einmal an.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Fünfzig Jahre später

Hunsheim: die Gemeinde hat heute das 50jährige Jubiläum ihres Kapellenbaus gefeiert - siehe meinen gestrigen Eintrag. Auch an den Tod des Großvaters wurde erinnert, es gab Bilder und ein Tonband seiner letzten Rede. Ich habe im Namen der Familie ein Grußwort gesagt:

Samstag, 22. Oktober 2011

Der Tod meines Großvaters am 22. Oktober 1961

 
 
Heute vor 50 Jahren starb mein Großvater Adolf Runkel. Es war ein eigenartiger Tod, denn er geschah in aller Öffentlichkeit an einem hellen Sonntagmorgen. Der Opa hatte als Bauunternehmer in Hunsheim bei Gummersbach eine Kirche gebaut, oder besser: eine Kapelle, wie es bei uns Baptisten heißt, und hatte draußen vor der Tür den Schlüssel übergeben. Danach war er mit der Gemeinde feierlich in ihr neues Gotteshaus eingezogen, hatte sich vorne zu den Honoratioren aufs Podium gesetzt und war dann plötzlich bewußtlos nach vorne auf den Tisch gesunken. Man trug ihn in einen Nebenraum, wo der herbeigerufene Arzt nur noch seinen Tod feststellen konnte.

Freitag, 23. September 2011

Frieden



Lieber N.,
unsere eMails der letzten 14 Tage zum Thema „Türkei und Israel“ haben ebenso meinen Urlaub ausgefüllt und bestimmt wie die Wanderungen, das Wetter und die vielen Dinge, die ich hier in Südtirol gesehen und über die ich teilweise in diesem Blog berichtet habe. Darum will ich auch – zusammenfassend und abkürzend – von unserem Gespräch erzählen und von dem Frieden, der für mich am Ende daraus entstanden ist.

Mittwoch, 21. September 2011

Karl May auf dem Karerpass


Heute haben wir über den Karerpass das Gebiet des Schlern und des Rosengartens umrundet und haben schließlich auf der höchsten Stelle des Sellajochs bei strahlender Sonne und wolkenlosem Himmel die weiße Marmolata und das rotbraune Sella-Massiv von unzähligen bunten Gleitschirmfliegern wie von Schmetterlingen umflattert gesehen.

Dienstag, 20. September 2011

Zwei Urlaube



Über Nacht hat sich das Wetter dramatisch geändert und auf der Seiser Alm ist 20 – 30 cm Schnee gefallen. Wir wandern in Pullover und Anoraks gehüllt über Wege, auf denen wir vor zwei Tagen noch Schweiß vergossen haben und atmen die kalte Schneeluft in unsere Lungen.

Montag, 19. September 2011

Zu Besuch bei Messners


Nein, in Reinhold Messners Wohnzimmer waren wir nicht, gestern beim Besuch auf Schloß Juval, aber fast. Den Keller haben wir gesehen, mit etwa 30 sauber aufgestellten Paar Bergschuhen (die Mehrzahl von Adidas), mit Wein und Marmelade und aufgesetzten Früchten und mit einem Heerlager an Zelten und Kletter- und Expeditionsgeräten, darunter der bootartige Schlitten, mit dem er die Antarktis überquert hat. Den großen Rittersaal im Obergeschoß mit einem fast 10 m langen Tisch sahen wir, und sein Büro daneben, mit einer Fernsehecke, aber ohne Computer. Der „Reinhold“, wie ihn der liebenswürdige Burgführer immer vertraut nannte, diktiert alles, druckfertig, und läßt dann schreiben.

Samstag, 17. September 2011

… und den freundlichen Gesundheitsblick

Dem Geheimrat Goethe hätten die schwarzbraunen Haselnußmädchen gefallen, die hier in den Bergen immer wieder einmal zwischen den altersmüden und lebenssatten Nachsaisontouristen (meine Generation) aufblitzen. Und wenn sich eine davon dann sogar niederläßt um, wie oben im Bild aus unserem Trenker-Buch, einem Großvater ein paar Minuten ihrer Zeit und ein Schwätzchen zu schenken, dann ist das Goethe-Glück vollkommen. Er hat dieses Glück ja nicht nur in seiner späten Liebe zu Ulrike von Levetzow – er 74, sie 19, von Martin Walser kürzlich wunderbar in einem Roman beschrieben – gesucht, er hat es schon früher in „Schwager Kronos“ mit einem eigenartigen Satz formuliert

Freitag, 16. September 2011

Sudde-Tirole



Wenn man erfährt, wie brutal die Italiener nach 1918, also nach der Auflösung der k.u.k Monarchie und dem zwangsweisen Anschluß Südtirols an Italien, den Anspruch auf Zweisprachigkeit in Südtirol durchgesetzt haben, wird einem beim Lesen von Schildern, die auch noch der hinterletzten Wiese einen zweiten, italienischen Namen geben, heute noch unwohl. Vorangetrieben wurde die Italienisierung durch Ettore Tolomei (1865 – 1952), einen italienischen Nationalisten. Luis Trenker ist ihm einmal begegnet und fand zu seiner Überraschung einen kleinen blonden und blauäugigen Herrn mit feinen Manieren vor, vom Typ her „eher wie ein österreichischer Mittelschulprofessor“. Dieser Mann also führte in Südtirol das italienische Wesen ein.

Donnerstag, 15. September 2011

Von Luis Trenker empfohlen



Gestern wanderten wir auf den Höhen über St. Ulrich und konnten an einigen Stellen wahlweise in das nördlich angrenzende Villnößtal – Heimat von Reinhold Messner – und auf das unter uns liegende Grödnertal – Heimat von Luis Trenker  – schauen. Ein Reiseführer von Messner hat uns vor zwei Jahren begleitet, und darin der ewig nörgelnde Ton des Mannes, der eigentlich angesichts der vielen grandiosen Ausblicke, die er tun konnte, sehr viel zufriedener sein müßte.

Mittwoch, 14. September 2011

Drei Städte

Das alte Örtchen Klausen unten am Eisack hat eine der insgesamt nur vier Ausfahrten der 85 km langen Brennerautobahn zwischen Bozen und dem Paß. Es ist sozusagen unser Bahnhof, von dem aus wir noch rund 15 km fahren müssen, bis wir oben in Kastelruth ankommen. Gestern sahen wir erstmals die hübsche Altstadt von Klausen, die schon der junge Albrecht Dürer gemalt hat, als er hier 1494 Station auf seiner Italienreise machte. An der Pfarrkirche ist eine Gedenktafel zum Aufstand gegen die Franzosen in 1809 – der Bürgermeister kniet vor zwei Offizieren in ihren dreispitzigen Franzosenhüten, Kanone und Pferde neben sich, und bittet sie (erfolgreich), die Stadt vor Plünderung und Brandstiftung zu bewahren.

Montag, 12. September 2011

Ladinsch

Heute haben wir uns dem felsigen Fuß des Plattkofel bis auf wenige hundert Meter genähert (mit dem Sessellift) und sind dann in respektvollem Abstand durch die Almen und Wälder unterhalb der doppelten Gipfel von Plattkofel und Langkofel hinuntergewandert ins Grödnertal.

Sonntag, 11. September 2011

Gang auf dem Puflatsch



Uns Herzpatienten wird empfohlen, alles das zu suchen, was das Herz weit macht. Wir sollen alte Vorurteile aufgeben, den Menschen mit Offenheit begegnen, singen, glauben, kurz alles tun, was das Herz aus seiner Enge herausführen kann. Man sollte deshalb den Gang auf dem Puflatsch ärztlich empfehlen und von der Krankenkasse subventionieren lassen, denn hier, in dem auf rund 2.000 m Höhe gelegenen Nordbereich der Seiser Alm wird das Herz so weit wie sonst nur auf den höchsten Gipfeln der Alpen.

Samstag, 20. August 2011

Die Ordnung der Dinge


Ich habe eine Woche Remscheid-Urlaub dazu genutzt, meine Bücher zu sortieren.  Die alte Grundordnung wurde wieder hergestellt, aber modifiziert. Dabei haben einige von mir besonders geschätzte Autoren besonders schöne Plätze bekommen – in Augenhöhe etwa, oder in Griffweite meines Schreibtisches.

Sonntag, 14. August 2011

Nachgedanken zu “Erzählungen der Chassidim”

Vielleicht sollte ich am Ende kurz erklären, warum mich diese Geschichten immer neu tief in meinem Herzen anrühren. Sie enthalten das Leben von Menschen, die sich nach der Gegenwart Gottes ausstrecken. Diese Gegenwart ist für sie kein gedankliches Konzept, sondern sinnlich wahrgenommene Realität. Nun weiß man aber selbst, dass sich Gottes Wirklichkeit  verhältnismäßig selten zeigt, manchmal über Jahre und Jahrzehnte nicht. „Die Schechina ist im Exil“, sagen die Chassiden dann. In solchen Zeiten müssen die Gottessucher mit Ersatz-Erfahrungen auskommen. Sie tasten und suchen, sie erwarten und hoffen – und bemerken auf einmal dabei, dass ihr im Vorläufigen geführtes Leben in Wirklichkeit das eigentliche, wahre Leben ist, das Leben in Gottes unsichtbarer Gegenwart. Uns so essen sie und trinken und tanzen und feiern und preisen den Herrn der Welt, auch wenn das nächste Pogrom schon auf der Straße tobt.

Wollen wir am Ende nicht alle so leben, bleibt uns eine andere Wahl?

Samstag, 13. August 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (XII und Schluss): Ganz Israel einen guten Morgen!

Rabbi Sussja pflegte jeden Morgen beim Aufstehen, ehe er ein Wort zu Gott oder den Menschen sprach, auszurufen: „Ganz Israel einen guten Morgen!“ Tagsüber schrieb er alles, was er tat, auf einen Zettel, am Abend vor dem Schlafengehen holte er ihn hervor, las und weinte so lange, bis die Schrift von den Tränen vertilgt war.

Mittwoch, 10. August 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (XI): Wie er die Filzschuhe aufschnürt

Rabbi Löw, Sohn der Sara, der verborgene Zaddik, der, dem Lauf der Gewässer folgend, über die Erde wanderte, um die Seelen Lebender und Toter zu erlösen, erzählte: "Daß ich zum Maggid von Mesritsch fuhr, war nicht, um Lehre von ihm zu hören: nur um zu sehen, wie er die Filzschuhe aufschnürt und wie er sie schnürt."

Anmerkung: Rabbi Löw erzählt hier von seinem Lehrer Dow Bär, dem "Maggid" (Ehrentitel) aus Mesritsch. Dow Bär wiederum war ein Schüler des großen Baalschem.

Montag, 8. August 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (X): Das Vergessen

"Es heißt im Talmud", sprach Rabbi Baruch, "wann das Kind im Leibe der Frau ist, brennt ihm ein Licht auf dem Kopf und es lerne die ganze Thora, wann ihn aber bestimmt ist, hinaus in die Luft der Welt zu gehn, komme ein Engel und schlage es auf den Mund, und da vergesse es alles. Wie ist das zu verstehen? Wozu braucht man es erst alles lernen zu lassen, damit es dann alles vergesse?" [...] "Wäre das Vergessen nicht, so müßte der Mensch unaufhörlich an seinen Tod denken und würde kein Haus bauen und würde nichts unternehmen. Darum hat Gott in die Menschen das Vergessen gepflanzt. So ist ein Engel bestellt, das Kind so zu lehren, daß es nichts vergesse, und der andere Engel ist bestellt, es auf den Mund zuschlagen und ihm das Vergessen beizubringen."

Sonntag, 7. August 2011

Zwei Brücken






Vorgestern hat unsere Oberbürgermeisterin zwei Brücken eingeweiht, von denen die eine, der "Nordsteg" zwischen Bahnhof und Altstadt, mit einer leuchtend roten Farbsalve eine Art von Bresche in das graue Häusergefüge unserer schieferverkleideten Regenstadt schlägt.



Der Nordsteg, rechts ein Blick von der Innenstadt in Richtung der Haltestelle unserer Bahn (Der Müngstener), soll den Weg von der Innenstadt zum kleinen Remscheider Bahnhof bequemer machen, indem er die hier vielbefahrene Freiheitstraße, die B 229, in einem beschwingten Bogen überquert.



Die Brücke ist an Stützen aufgehängt, die in einem unregelmäßigen Muster sowohl seitlich als auch nach hinten und vorne versetzt sind. Sie wirken spielerisch, haben aber offenkundig eine echte statische Funktion. Ihr Rot erinnert an fernöstliche Tempel.



Der alte Bahnhof ist seit ein paar Jahren verschwunden, die beiden einzigen Gleise liegen jetzt an einer Plattform, die an eine größere Straßenbahnhaltestelle erinnert, was die immer schon sehr geringe Bedeutung der "Müngstener"- Nebenstrecke nach Remscheid unterstreicht. Hinten lockt ein großes neues Parkhaus die morgendlichen Pendler nach Düsseldorf und Köln mit Gratisnutzung.













Die zweite neue Brücke überquert die Bahnstrecke, und zwar weiter östlich. Sie ersetzt eine frühere Brücke, deren Standfestigkeit altersbedingt gelitten hatte.

Donnerstag, 4. August 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (IX): Das Essen des Reichen

Zum Maggid von Kosnitz kam einst ein reicher Mann. "Was pflegst du zu essen?" fragte der Maggid. "Ich führe mich bescheiden", sagte der reiche Mann, "Brot mit Salz und ein Trunk Wasser sind mir genug." "Was fällt Euch ein!" schalt ihn der Maggid. "Braten sollt ihr essen und Met sollt ihr trinken wie alle reichen Leute!" Und er ließ den Mann nicht gehen, bis er ihm versprochen hatte, es fortan so zu halten.

Nachher fragten die Chassidim nach dem Grund der wunderlichen Rede.

"Erst wenn er Fleisch ißt", antwortete er, "wird er wissen, daß der Arme Brot braucht. Solange er Brot ißt, meint er, der Arme könne Steine essen."

Dienstag, 2. August 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (VIII): Eine Verhandlung

(Meine Lieblingserzählung, die mich immer wieder sehr emotional berührt)

Es wird erzählt: "Der Kaiser in Wien erließ eine Verordnung, die das bedrängte Leben der Juden in Galizien vollends in Fesseln schlagen mußte. Damals weilte im Haus Elimelechs ein eifriger und lernbeflissener Mann, Feiwel mit Namen. Der stand eines Nachts auf, betrat die innere Kammer des Zaddiks und sprach zu ihm: 'Herr, ich habe einen Rechtsstreit mit Gott'; und während er noch redete, entsetzte er sich über seine Worte. Rabbi Elimelech jedoch gab ihm die Antwort: "Wohl, aber in der Nacht wird nicht Gericht gehalten.'

Am Morgen kamen zwei Zaddikim nach Lisensk, Israel von Kosnitz und Jakob Jizchak von Lublin, und nahmen Wohnung bei Rabbi Elimelech. Nach dem Mittagsmahl ließ er jenen Mann rufen und sagte ihm: 'Nun lege uns deinen Rechtsfall vor.' 'Ich habe nicht mehr die Kraft zu reden', stammelte Feiwel. - 'So gebe ich dir die Kraft zu reden.' Da redete Rabbi Feiwel: 'Wie darf es sein, daß wir diesem Reich verknechtet sind? Spricht doch Gott in der Thora: denn meine Knechte sind die Söhne Israels. Und hat er uns auch der Fremde überantwortet: wo immer wir sind, ist es an ihm, uns die Freiheit, ihm zu dienen, ungeschmälert zu wahren.'

Hierauf sprach Rabbi Elimelech: 'Gottes Entgegnung kennen wir, denn auch sie steht geschrieben, in der Fluchrede durch Mose und die Propheten. Jetzt aber sollen nach der Vorschrift beide Rechtsgegner den Ort des Gerichts verlassen, damit die Richter ihres Ansehens nicht achten. So gehe du hinaus, Rabbi Feiwel. Und dich, Herr der Welt, vermögen wir nicht auszuschließen, denn deine Herrlichkeit erfüllt die Erde, und ohne deine Gegenwart könnte keiner von uns einen Augenblick leben; wisse aber, daß wir auch deines Ansehens nicht achten werden.‘

Danach saßen die drei zu Gericht, schweigend und mit geschlossenen Augen. Nach einer Stunde riefen sie den Mann Feiwel in die Stube und verkündeten das Urteil, daß das Recht bei ihm sei. In derselben Stunde wurde in Wien die Verordnung aufgehoben."

Sonntag, 31. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (VII): Die Bienen

Rabbi Rafael von Berschad sprach: "Es heißt, die Hochmütigen werden als Bienen wiedergeboren. Denn der Hochmütige spricht in seinem Herzen: 'Ich bin ein Schreiber, ich bin ein Singer, ich bin ein Lerner.' Und weil von diesen gilt, was gesagt ist, daß sie noch an der Schwelle der Hölle nicht umkehren, werden sie nach dem Tode als Bienen wieder geboren. Die summen und surren: 'Ich bin, ich bin, ich bin!'"

Donnerstag, 28. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (VI): Eine Stunde der göttlichen Gnade

Eine Frau pflegte zum Jom Kippur nach Berditschew zu kommen, um in Rabbi Levi Jizchaks Gemeinde zu beten. Einmal verzögerte sie sich, und als sie ins Bethaus kam, war die Nacht schon angebrochen. Die Frau grämte sich sehr; denn sie war gewiß, die Abendandacht sei schon vorüber. Aber der Rabbi hatte nicht begonnen, sondern hatte mit der staunenden Gemeinde gewartet, bis die Frau kann. Als sie merkte, daß er noch nicht Kol Nidre gesprochen hatte, geriet sie in große Freude und rief zu Gott: "Herr der Welt, was soll ich dir wünschen für das Gute, das du an mir getan hast? Ich wünsche dir, du sollst so viele Freude an deinen Kindern erleben, wie du mich jetzt hast erleben lassen!"

Da ward, während sie noch sprach, eine Stunde der göttlichen Gnade über der Welt.

Dienstag, 26. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (V): Wie man Lehre sprechen soll

Der Maggid von Mesritsch sprach einmal zu seinen Schülern: "Ich will euch die beste Art weisen, Lehre zu sprechen. Man soll sich selber gar nicht mehr fühlen, nichts mehr sein als ein Ohr, das hört, was die Welt des Wortes in einem redet. Sowie man aber die eigene Rede zu hören beginnt, breche man ab."

Montag, 25. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (IV): In der Gerbergasse

Auf einer Wanderung kam Rabbi Levi Jizchak gegen Nacht in eine kleine Stadt, von er niemand kannte. Er fand keine Unterkunft, bis ein Gerber ihn mit sich nach Hause nach. Er wollte das Abendgebet sprechen; aber der Gerbergeruch war so durchdringend, daß er kein Wort über die Lippen brachte. Er machte sich auf und ging in das Lehrhaus, in dem kein Mensch mehr war. Hier betete er nun. Und als er betete, verstand er mit einem Mal, wie die Schechina, die der Welt einwohnende Gegenwart Gottes, ins Exil herabgesunken ist und wie sie gesenkten Hauptes in der Gerbergasse steht. Er brach in Tränen aus und weinte in einem fort, bis sich sein Herz über den Gram der Schechina ausgeweint hatte und er in Ohnmacht fiel. Da erschien ihm die Schechina in ihrer Glorie, ein überstarkes Licht in vierundzwanzig farbigen Stufen, und sprach zu ihm: "Sei stark, mein Sohn! Große Nöte werden über dich kommen, du aber fürchte dich nicht; denn ich werde bei dir sein."


Anmerkung: die „Schechina“ ist hier bereits erklärt, sie leitet sich vom Verb „schachan“ ab, was „niederlassen“ bedeutet. Auch im Koran ist von der im Arabischen ähnlich klingenden „Zekina“ die Rede, der Gegenwart Gottes (u.A. in Sure 2 : 249)

Sonntag, 24. Juli 2011

Matthäus 5,5: Selig sind die sanftmütigen

Predigt 24. Juli 2011 in der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde Bonn

Vorab herzliche Grüße aus meiner Heimatgemeinde in Remscheid. In dieser Stadt regnet es heute noch mehr als hier in Bonn und die alten Leute sprechen noch ein Platt, von dem mein Vater sagte, es sie dem Holländischen so ähnlich, dass man mit Remscheider Platt in unserem Nachbarland überall ohne Probleme zurecht käme. Mein Vater ging deshalb auch in Holland immer gerne zur Kirche und kam eines Tages sehr glücklich von dort zurück. Der Pastor hatte über die Seligpreisung der Sanftmütigen, der „Zachtmoedigen“ gesprochen und sich lange an dem alten Wort „Goedertieren“ aufgehalten, das in alten Bibeln anstelle von „zachtmoedig“ steht.

Dieses Wort bedeute, hatte der Pastor gesagt, tatsächlich so etwas wie „Gut-Tierigkeit“ und sei etwa als Eigenschaft von Pferden sehr angenehm. Vielleicht ist damals mein Interesse an diesem Wort geweckt worden.

Selig sind die sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.
Matthäus 5,5

Wenn ich Sie der Reihe nach fragen würde, was ein sanftmütiger Mensch ist, so würden die Antworten vermutlich alle recht ähnlich ausfallen. Wir haben eine konkrete Vorstellung von Sanftmut, und an der will ich heute auch nichts ändern. Ich möchte allerdings dem Wort "sanftmütig" ein paar Nuancen, ein paar Farben hinzufügen, die sich ergeben, wenn man dieses Wort einmal über mehrere Stellen der Bibel nachverfolgt. Es wird reicher und aussagekräftiger, und am Ende gibt es vielleicht sogar ein Geheimnis preis.
Das Wort von den Sanftmütigen gehört zu den Seligpreisungen der Bergpredigt. Dabei ist es gleichzeitig ein sehr altes Wort, es ist ein Zitat aus dem Alten Testament. Ich kann mir vorstellen, dass nicht nur Jesus, sondern auch seine Zuhörer damals gewusst haben, dass er hier ein Wort aus Psalm 37 benutzte.
Die Sanftmütigen werden das Land besitzen
und werden ihre Lust haben an Fülle von Heil.
Psalm 37,11
Von den acht Seligpreisungen sind sieben neu, aber eine davon, die mit den Sanftmütigen, ist ein altes und zu Jesus Zeiten sicherlich gut bekanntes Wort. Bei allem Neuen, was Jesus zu verkündigen hat, wird doch immer wieder deutlich, dass seine Lehre mit einer älteren, tieferen Quelle verbunden ist. Was er sagt, ist im alten Glauben des Volkes Israel bereits im Kern vorhanden.
Wenn wir zu Psalm 37 gehen begegnen wir dem Wort "sanftmütig" in seiner hebräischen Urfassung "anawim" - im Neuen Testament steht es ja in Griechisch geschrieben, dazu später noch mehr. Vielleicht darf ich im Folgenden bei den Bibelworten, wie von den Sanftmütigen handeln, einmal ausnahmsweise dieses Urwort benutzen und nicht seine deutsche Übersetzung. Diese ist nämlich nicht überall gleich, und kann es auch gar nicht sein. Das Wort ist in gewisser Weise unübersetzbar, und wenn man im Alten Testament nur "sanftmütig" übersetzen würde, dann blieben viele Stellen unverständlich.
Wofür steht dieses Wort? Es hat eine mehrfache Bedeutung. Von seinem Wortstamm her "anah" bezeichnet es jemand, der niedergebeugt ist. Ein Bedrückter, ein Elender - so muss man im ursprünglichen Wortsinn übersetzen.
נהע
anah
ענוים
anawim
Aber dann tritt eine zweite Bedeutung hinzu: die Anawim lernen offenbar, ihre Situation zu verstehen und anzunehmen. Und sie werden auf diese Weise demütig, und zwar wohl zunächst einmal, weil ihnen jegliche Ursache für Hochmut weggenommen wurde. Sie haben gar keine andere Wahl.
Noch später lernen sie, dass Gott ihre Demut liebt, weil er den Hochmütigen widersteht und weil ihm der Demütige angenehm ist. Und so werden sie also aus freien Stücken demütig, und werden dadurch auch in den Augen ihrer Mitmenschen angenehm, weil auch die Menschen es ja mit den Hochmütigen schwer haben. Im Ergebnis werden die Anawim im täglichen Umgang an ihrer demütigen Milde erkannt, und das ist Sanftmut, das macht die Anawim aus.
Das Hebräische, das oft für mehrere Sachverhalte nur ein einziges Wort hat, lässt diese vielfache Bedeutung stehen und erzählt die Geschichte der Anawim sozusagen in einem Wort, beginnend bei „niedergebeugt“, „elend“ und „arm“, über „demütig“ bis hin zu „sanftmütig“. Vielleicht versuchen wir heute einmal, immer alle Bedeutungen mitklingen zu lassen, wenn wir das Wort im weiteren Verlauf hören.

Mose
Die Übersetzer müssen natürlich jeweils ein einziges treffendes Wort finden. Das dadurch entstehende Problem wird gleich beim ersten großen Vertreter der Anawim in seiner ganzen Breite sichtbar. Die Rede ist von Mose, er ist einer der „anawim“. Von der einen Gruppe der Übersetzer wird die Demut dieses Mannes gepriesen. Von der anderen wird dagegen vorrangig sein Elend gesehen. Eigentlich kann nur eins davon stimmen!
Folgen wir zunächst einmal Martin Luther: in 4. Mose 12,3 wird in der Lutherbibel von Mose gesagt, er sei „ein sehr demütiger Mensch“ gewesen, „mehr als alle Menschen auf Erden.“ „Anav“ steht im hebräischen Urtext, und nicht nur Luther, sondern auch die in solchen Sachen ja immer sehr genaue Elberfelder Bibel übersetzen beide "demütig". Allerdings: die Elberfelder fügt in der Fußnote bei "oder elend".
Wir erkennen das Problem. Gibt es einen Schlüssel zur Lösung? Bei der Mose-Geschichte haben sich viele Übersetzer für „demütig“ entschieden – obwohl es natürlich ein wenig überrascht, dass gerade Mose, über dessen Jähzorn ja zuvor berichtet worden ist, als der demütigste Mensch der Welt dargestellt wird.
In 4. Mose 12 wird die Geschichte erzählt, wie eines Tages seine Schwester Mirjam und sein Bruder Aaron die Autorität des Mose infrage stellen und fast so etwas wie einen Putsch gegen ihn anzetteln. In dieser Situation kommt ihm Gott zu Hilfe und bestraft die Aufrührer. Und in dieser Geschichte wird also erzählt "Mose war ein sehr demütiger Mensch, mehr als alle Menschen auf Erden".
Nun würde die zweite Möglichkeit "elend" aus der Fußnote der Elberfelder Bibel ja ebenfalls Sinn machen und bedeuten: Mose war geplagt, er hatte sozusagen das ganze Volk am Hals und musste jetzt auch noch den Widerstand seiner nächsten Verwandten erdulden.
Übersetzt man dagegen "demütig", dann macht auch das Sinn: sein Verhalten wird in einen Gegensatz zu den hochmütigen Geschwistern gestellt, die zuvor gefragt haben, ob nicht auch sie einen ganz persönlichen Zugang zu Gott und eine Leitungsfunktion für das Volk haben. Als Kontrast zum Hochmut der Geschwister ist an dieser Stelle die Demut des Mose sicherlich hervorzuheben, weshalb "demütig" hier meiner Meinung nach das richtige Wort ist.

Septuaginta
Diese Annahme bestätigt sich auch beim Blick in das Werk der berühmten Gelehrten von 200 v. Chr., die damals als Erste eine Übersetzung des Alten Testaments unternommen haben. Das waren die legendären 70 Leute der sogenannten Septuaginta, der Bibel der Siebzig, die erstmals den "Tanach", wie die Juden das Alte Testament bezeichnen, in die Weltsprache Griechisch übersetzt haben.
Sie fanden kein griechisches Wort, um die Doppelbedeutung von "anah" wiederzugeben und mussten sich deshalb immer wieder entscheiden, ob sie die Situation beschrieben, in welcher der elende und niedergebeugte Mensch war, oder ob sie seinen demütigen oder sanftmütigen Charakter beschreiben wollten. Sie haben Ersteres mit "ptochos" übersetzt, das bedeutet "bettelarm, armselig", und das zweite mit "praos", das bedeutet „sanft, milde, ruhig“. Ich habe verschiedene Konkordanzen durchblättert und gefunden, dass man Variante 1 etwa 80 mal und Variante 2 etwa 20 mal verwendet hat. Die deutschen Übersetzer haben sich oft an die Septuaginta gehalten, aber nicht immer.
Viele haben bei der Übersetzung richtiggehend gekämpft, wie etwa der bereits erwähnte Martin Luther und später seine Nachfolger in der Redaktion der Lutherbibel. Luther hat in der ersten Übersetzung 1545 geschrieben „ein seer geplagter Elender / der viel leiden muste“, in einer späteren Luther-Ausgabe von 1878 fand ich dagegen „geduldig“, 1912 heißt es dann aber wieder „ein sehr geplagter Mensch“ und 1984 erneut umgekehrt „ein sehr demütiger Mensch“. Man spürt das Ringen.
Tendenziell geht die Elberfelder Bibel stärker in die Richtung der Variante 2, also der Charakterisierung „demütig , sanftmütig“ und hat etwa – anders als die Lutherübersetzungen – in der Schlüsselstelle in Psalm 37,11 "sanftmütig" übersetzt und damit die Brücke zu den Seligpreisungen deutlich gemacht. Ich habe diese Stelle gerade in der Elberfelder Übersetzung gezeigt, bei Luther steht „die Elenden“.
Psalm 37
Psalm 37 ist eine Schlüsselstelle für ein tieferes Verständnis von „anawim“. In den Psalmen wird ja häufig beschrieben, dass Menschen elend sind und arm und dass sie darüber ein demütiges Herz und ein sanftmütiges Wesen bekommen. In den Psalmen ruft der Elende Gott um Hilfe an, und hier wird dem Sanftmütigen Rettung versprochen, und beide sind ein und dieselbe Person.
Psalm 37 beginnt damit, dass der fromme Mensch dem Übeltäter dabei zusehen muss, wie dessen böse Pläne gelingen. Der Böse hat Erfolg, der Fromme nicht. Das ist ein Grundthema im Leben der Anawim, eine Grundanfechtung, und die Psalmen geben dieses Thema vielfältig wieder.
Psalm 37 sagt dann: achte nicht auf den momentanen Erfolg des Bösen, der wird bald vergehen. Und dann erzählt er von der großen Hoffnung auf den HERRN und von seinem Versprechen, dass die Sanftmütigen (Vers 11) das Land in Besitz nehmen werden. Das ist eine Kernverheißung für die Anawim.
Gott verteilt das Land nach anderen Maßstäben als die Menschen. Das wird noch zwei weitere Male in Psalm 37 beschrieben:
Vers 22: die von ihm Gesegneten werden das Land besitzen
Vers 29: die Gerechten werden das Land besitzen
Und dann wird am Ende persönlich gesagt:
Vers 34: Harre auf den HERRN und halte seinen Weg ein, und er wird dich erhöhen, das Land zu besitzen.
Dass man auf Gott wartet, seine Gerechtigkeit, seinen Segen sucht, das gehört also zum Leben der Anawim, der Elenden, die in der Annahme ihrer Armut Gott nahe gekommen sind.
In einem Nebensatz sei erwähnt, dass aus der dritten Stelle (Vers 29) auch der Koran zitiert, Sure 21, 105 „Und wir haben in dem Buche Davids, nach der Ermahnung, geschrieben, dass meine rechtschaffenen Diener das Land erben sollen.“ Dieses Bibelzitat ist das einzige im ganzen Koran. Das unterstreicht die Wichtigkeit dieser Frage in allen Religionen: wem gehört rechtmäßig die Erde? Der Psalm sagt: den Anawim, denen, die in ihrer Armut auf Gott warten. Ihnen gehört die ganze Welt.
Mit dieser Aussage kommt nun ein weiterer Gesichtspunkt in die Geschichte der Anawim. Sie sind nicht nur die Menschen, deren sanftmütiger Charakter in Gottes Augen vorbildlich ist, sie sollen auch Herren der Erde sein, mit ihnen hat Gott große, weltgeschichtliche Ziele. Das wird in der nächsten Psalmenstelle deutlich.

Psalm 149
In Psalm 149 stehen die Anawim an einer sehr herausgehobenen Stelle. Hier, kurz vor dem strahlenden Ende der Psalmen, geht eine wichtige Anawim-Aussage schon fast im großen Jubel unter, die Aussage nämlich, dass die Gottes Volk sind, sie ganz allein.
Er hat Wohlgefallen an seinem Volk, er schmückt die Anawim mit Heil.
Psalm 149, 4
Psalm 149 steht zusammen mit Psalm 150, dem letzten Psalm, wie eine doppelte Säule am Ende der Psalmen, ganz ähnlich wie Psalm 1 und 2 eine doppelte Säule am Anfang bilden. Und in diesem besonderen Psalm 149 wird durch die Parallelität der beiden Halbsätze gesagt: die Anawim in ihrer Gesamtheit sind Gottes Volk, Gottes Volk ist mit den Anawim identisch.
Sie haben ein scharfes Schwert in der Hand, das hat diesen Psalm zu einem Lied der Revolutionäre gemacht, die im Namen Gottes der Welt ihr Verständnis von Gerechtigkeit aufzwingen wollten. Aber es spricht vieles dafür, dass dieses Schwert gleichbedeutend ist mit dem Lob, das sie singen. Der Vers 6 sagt es ebenfalls parallel: Ihr Mund soll Gott erheben, sie sollen scharfe Schwerter in ihren Händen halten. Beides ist möglicherweise als dasselbe zu verstehen, manche Mauern fallen eher durch Lieder als durch Waffen.

Sacharja 9
Noch weiter hinten in der Bibel, in den prophetischen Büchern, wird dann das Wirken der Anawim noch ein weiteres Mal gesteigert. Es kommt jetzt aus ihren Reihen ein König, ein Retter. Über ihn ist in Sacharja 9,9 berichtet.
Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel auf einem Füllen der Eselin.
Auch hier übersetzt die Elberfelder „demütig“ statt „arm“, aber wir hören den Gleichklang heraus, der sich aus dem gemeinsamen Stamm ergibt.
Wir kennen diese Stelle, sie wird bei uns oft gelesen und in der Vertonung von Händel gesungen („Tochter Zion freue dich – sei gegrüßet, König mild“).
Dieser demütige, milde König macht noch deutlicher, welche weltgeschichtlichen Ziele Gott mit den Anawim verfolgt. Das Reich dieses Königs, so prophezeit es Sacharja, wird von einem Ende der Erde zum anderen gehen, es kennt keine nationalen Grenzen mehr, es kennt auch keine Streitwagen und kein Kriegsgerät. Es ist ein Friedensreich, dessen Bürger nach denselben milden Prinzipien leben wie ihr König.
Solche Gedanken sind neu, als Sacharja sie um 500 v. Chr. ausspricht. Sie gehen einher mit einem, man könnte sagen: nationalen Elend, einer sich immer stärker zeigenden Bedeutungslosigkeit des Volkes Israel. Es ist in dieser Zeit aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt und findet andere Völker im Lande vor, muss viele Kompromisse eingehen und vor allen Dingen eins tun: den auswärtigen Mächten drückende Steuern bezahlen.
In dieser Situation wird es schwer, alles Geschehen in der Welt weiterhin als von Gott gesteuert zu verstehen. Es wird schwer, seine Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass in Jerusalem ein neuer Mittelpunkt der Erde entsteht. Ich stelle mir vor, dass man in diesen Zeiten gerade diejenigen Psalmen für sich entdeckt hat, in denen von den Anfechtungen die Rede ist, die von der Macht der Gottlosen ausgehen und von ihrem Erfolg. Man hat in dieser Zeit sicherlich das Buch Hiob, in dem der Gerechte ohne Grund leiden muss, mit neuen Augen gelesen.
Und dann hat man sicherlich ganz besonders auf eine Prophezeiung gehört, die ebenfalls aus der Zeit nach dem Exil stammt und zu den ergreifendsten Prophezeiungen der ganzen Bibel gehört. Es ist die Prophezeiung vom leidenden Gottesknecht, wie er am Ende des Jesajabuches beschrieben wird.

Jesaja 53
Dort lesen wir, dass ein gedemütigter Gottesknecht von allen Menschen verachtet wird und dass man annimmt, er sei von Gott geschlagen und niedergebeugt (Jesaja 53,4, in „niedergebeugt“ ist auch der Wortstamm „anah“). Aber wir sollen über ihn begreifen,
Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünden willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.
Jesaja 53,5
Das Nachdenken der gedemütigten Anawim, ihr Reden mit Gott, ihre Auseinandersetzung mit ihm, bringt in der Zeit nach dem Exil eine neue Weltsicht hervor, von der man sicherlich ohne Übertreibung sagen kann, dass sie das damalige Denken erneuert. Es geht darum, den sogenannten Tun-Ergehens- Zusammenhang aufzugeben, das heißt eine Realität zu erkennen, in der nicht alles Gute aus der Befolgung der göttlichen Gebote und alles Schlechte aus ihrer Übertretung folgt. Man erkennt damals: es gibt Hiobs-Gestalten, die trotz ihres frommen Lebens geplagt sind, und es gibt Gestalten wie den leidenden Gottesknecht, deren Leiden niemand versteht, ja, deren elendes Leben von allen vollkommen falsch als ein Leben in der Gottesferne interpretiert wird.
Eines Tages wird ein leidender Gottesknecht tatsächlich durch seine Qualen der Welt Frieden bringen. Das liegt noch in ferner Zukunft, aber die Anawim verstehen, dass man schon heute an den Orten des Leides und des Elends Gott erleben kann.
Damals hört man erstmals den Namen Immanuel, Gott mit uns, die Offenbarung eine neuen Gottescharakters: Gott hier bei uns, Gott hier unten, hier unten mit uns. Damals beginnen die Menschen zu verstehen, dass nur das angenommene Leid, die auf sich genommene Erniedrigung, die Bejahung unserer elenden menschlichen Konstitution einen Weg eröffnet, das Geheimnis Gottes zu verstehen und mitten in den Sorgen des Alltags zu erleben.
Ich stelle mir vor, dass die Juden in dieser elenden nationalen Situation alles das, was über die Anawim gesagt wird, mit neuen Augen lesen. Sie erkennen ihr Elend nicht mehr als Durchgangsstation auf dem Weg zu einer neuen Größe des auserwählten Volkes, sie verstehen es als Ort, wo ihnen Gott begegnet und wo durch seine Nähe und seine Zuwendung das Elend aufgehoben, ja im Wesen des Gottesknechtes sogar ein Ort der Heilung wird.

Jesus
Und wenn dann am Ende Jesus auf der Erde erscheint, dann erkennen ihn als erstes die Anawim, die einfachen und armen Menschen, die ihre Armut und Schlichtheit als den Ort begriffen haben, an dem ihnen Gott begegnet. Die Welt ist durch diese Menschen auf das Kommen des Messias vorbereitet, mehr als durch die gelehrten Bibelkenner, mehr als durch die Sterndeuter und durch die Kundigen in der Prophetie.
Uns sind die namentlich bekannten Armen des Neuen Testaments lieb und vertraut, Zacharias und Elisabeth, Maria und Josef, Simeon und Hanna, die Hirten von Bethlehem, die Jünger. Über ihrem Leben war vielfach schon vor Jesu Geburt eine Vorahnung, eine Hoffnung, und als er dann vor ihnen stand und ihnen das Wort von den Sanftmütigen sagte und es nicht nur sagte, sondern auch in allem vorlebte, da wussten sie, dass sich ihre Hoffnung erfüllt hatte.
Und dann also setzt er sich hin und beginnt seine Lehre mit den Worten der Seligpreisungen.
Selig sind die ptochoi to pneumati, die Armen des Geistes, ihnen ist die Königsherrschaft des Himmels.
Matthäus 5,3
Lukas, der in Kapitel 6,20 ebenfalls die Seligpreisungen wiedergibt, unterstreicht , dass es hier auf das Hauptwort „die Armen“ ankommt, indem er überliefert, dass Jesus gesagt hat, „Selig sind die Armen“, ohne Zusatz. Die Schriftrollen in Qumran legen nahe, dass sich damals viele Menschen in einer Art von geistlicher Übung als „die Armen“ bezeichnet haben, aber mit einer Ergänzung, etwa als „die Armen der Gnade“, „die Armen deiner Erlösung“. Hierzu passt „Arme des Geistes“. Ich stelle mir deshalb vor, dass die Anawim sich bereits bei der ersten Seligpreisung erkannt und angesprochen und angenommen gefühlt haben. Sie verstehen: in der Gegenwart Jesu kommen sie an ihr Ziel.
Schluss
Mit den beiden Seligpreisungen der Armen und der Sanftmütigen sind wir wieder auf dem Berg der Seligpreisungen am See Genezareth angelangt und somit am Schluss unserer Such nach den Anawim. Ist etwas von dem Geheimnis erkennbar geworden, von dem ich am Anfang gesprochen habe? Ich denke, in diesem kleinen Wort „anawim“ ist am Ende die Geschichte eines jeden Menschen eingeschlossen, der sein Leben im Vertrauen auf Gott lebt. Vielleicht spüren wir, wie die Geschichte unseres eigenen Leids und Elends in der Geschichte dieser Armen Gottes enthalten und getragen ist.
Niemandem von uns ist Elend fremd. Jedes menschliche Leben kommt an Stationen, an denen es sich mit Verlusten abfinden muss, und diese Verluste sind oft deshalb besonders schmerzhaft, weil sie uns eine Stufe niedriger setzen, oder auch zwei oder drei. Zurückgesetzt zu werden, gedemütigt, diese Situation kennen wir alle.
Und in einer solchen Situation gehören wir zum Volk der Anawim, das es auch heute noch gibt, ganz sicher. Zusammen mit ihnen dürfen wir die Seligpreisungen hören wie am Tag, als sie erstmals gepredigt wurden. Wir dürfen den Weg vom Elend zur Sanftmut ebenfalls gehen und glauben, dass Gott mit den Menschen, die diesen Weg kennen, sein Friedensreich bauen wird.
Aber auch dann, wenn unsere Lebensfreude über lange Strecken unseres Lebens durch keine Sorge und keine Elend getrübt ist, können wir von den armen Sanftmütigen etwas lernen. Wir können ebenso wie sie den Tun-Ergehens-Zusammenhang aufgeben. Wir können aufhören, die Welt nach planvollen Systemen abzusuchen, die uns erklären, warum der eine leidet und der andere nicht. Wir kommen ja oft nicht davon los, die Welt verstehen zu wollen, einen Plan hinter den Dingen zu finden, einen Sinn.

„Sinngebungsmaschinen“ hat ein Kritiker solche Denksysteme spöttisch genannt. Wir benutzen Gott, ja wir missbrauchen ihn dafür, dass er uns diesen Sinn liefern soll.
Dabei ist Gott längst weitergegangen und hat sich den Elenden und Armen offenbart als der, der auch das tiefste Elend trägt, selbst wenn er es weder erklären noch verwandeln will oder kann. Er wird es vollständig verwandeln, eines nicht fernen Tages, das darf man für die Zukunft hoffen. Aber für heute gilt: er ist in unserem Elend bei uns, er ist der Gott-bei-uns, der Immanuel.
Deshalb können wir uns zu den Anawim stellen, können selbst zu den Armen, den Demütigen, den Sanftmütigen werden, wenn wir angesichts des Elends und angesichts der Verluste unseres eigenen Lebens aber auch angesichts unserer Unmöglichkeit, das Leid der Welt erklären zu können, uns zu Gott wenden. Wir können ihn darum bitten, uns seine Gegenwart in den Tiefen und in den ungeklärten Fragen unseres eigenen Lebens zu schenken und ihm erlauben, unser Leben als das Land in Besitz zu nehmen, in dem sein Friedensreich gebaut wird und in dem er als der sanftmütige König herrscht.
Amen

Freitag, 22. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (III): Das Lied der Frösche

Nach dem Tod des großen Maggids von Mesritsch saßen die Schüler beisammen und erzählten sich von seinen Taten. Als die Reihe an Rabbi Schnëur Salman kam, fragte er: "Wißt ihr, warum unser Lehrer an jedem Morgen um Sonnenaufgang zum Teich hinausging und ein weniges daran verweilte, ehe er heimkehrte?" Sie wußten es nicht. "Er lernte", sagte er, "das Lied, mit dem die Frösche Gott lobpreisen. Es dauert sehr lange, bis man dieses Lied erlernt."


Anmerkung: Dow Bär aus Mesritsch ist ein Schüler des Baalschem, „Maggid“ ist sein Ehrentitel.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (II): Die unheiligen Gedanken beim Beten

Die Schüler des Baalschem hörten von einem Mann als von einem Weisen reden. Einige unter ihnen verlangte es, ihn aufzusuchen und seine Lehre zu erfahren. Der Meister gab ihnen die Erlaubnis; sie aber fragten weiter: "Und woran sollen wir erkennen, ob er ein wahrer Zaddik ist?" "Erbittet von ihm", antwortete der Baalschem, "einen Rat, wie ihr es anzufangen habt, damit die unheiligen Gedanken euch nicht mehr beim Beten und Lernen stören. Gibt er euch einen Rat, so wißt Ihr, daß er der Nichtigen einer ist. Denn das ist der Dienst des Menschen in der Welt bis zur Todesstunde, Mal um Mal mit dem Fremden zu ringen und es Mal um Mal einzuheben in die Eigenheit des göttlichen Namens."


Anmerkung: ein „Zaddik“ ist ein Gerechter, also etwa einer von denen, um derentwillen Gott Sodom und Gomorrha nicht zerstört hätte – wenn es nur zehn Zaddikim gewesen wären, die man dort fand. Von damals her schließen die Chassidim auf eine permanente Anwesenheit von zehn Zaddiken / Zaddikim in der Welt, sonst wäre sie längst im Zorn Gottes untergegangen. Es gehört zu den Erleuchtungsmomenten im Leben eines Chassids, wenn er einem dieser „geheimen Zaddiken“ begegnet.

Montag, 18. Juli 2011

Sommerserie "Erzählungen der Chassidim" (I): Das Gebet des Gehetzten


Das kleine Buch von Martin Buber mit den Geschichten der frommen „Chassidim“ aus dem östlichen Europa hat lange Zeit auf meinem Nachttisch gelegen und mich mit seinen Gedanken inspiriert und im Glauben ermutigt Ich denke, daß die heiligen Männer aus der Zeit zwischen 1700 und 1850 mit ihrem Leben auch heute noch ein Anreiz für jeden mit der Gegenwart Gottes rechnenden Juden, Christen oder Moslem sein können und habe deshalb meine zwölf Lieblingsgeschichten für alle abgeschrieben.
Ich beginne mit einer Geschichte, die sicherlich vielen Menschen in unserer schnellebigen Zeit eine Ermutigung ist. Die anderen Geschichten folgen mit jeweils zwei oder drei Tagen Abstand.


Das Gebet des Gehetzten

Der Baalschem sprach: "Seht euch einen Mann an, der tagsüber von seinen Geschäften durch Markt und Gassen gehetzt wird - fast vergißt er, daß es einen Schöpfer der Welt gibt. Nur wenn's Zeit ist, Mincha zu beten, geht ihm auf: ich muß beten! - und da seufzt er vom Grund seines Herzens, daß er den Tag mit Eitlem verbracht hat, und läuft in eine Seitengasse und stellt sich hin und betet: teuer, sehr teuer ist er vor Gott geachtet, und sein Gebet durchbohrt die Firmamente."



Anmerkung: Israel ben Elieser, der „Baalschem“, ist der berühmteste Chassid, seine Fähigkeit, den guten (tow) Namen (Schem) Gottes auf Mensch und Vieh zu legen, so daß er segnend und heilend wirkt, hat ihm den Ehrentitel „Baal (Herr) Schem (Name) Tow (Gut)“ eingebracht, „der Herr des guten Gottesnamens“.

Samstag, 28. Mai 2011

Wiederbegegnung mit einem Lied




Gentle On My Mind (von John Hartford)

Der fahrende Geselle sieht die ferne Geliebte auf abgelegenen Straßen wandern, an Flußufern entlang, recht konkret, wie es scheint. Aber ganz am Ende sagt die länger und länger sich hinziehende Strophe: es sind in der verschwimmenden Perspektive doch eben nur die rivers of my memory, nicht die realen Flüsse selbst.

Vielleicht ist auch hier, wie so oft, die Erinnerung schöner als die Wirklichkeit. Der einsame Mann auf seiner eigenen langen Straße wird jedenfalls von der Erinnerung getragen, seine salzigen Freudentränen mischen sich mit dem Schweiß auf seiner von der Sonne glühenden Haut. Er wird am Ende des Weges vielleicht ein anderer sein, aber nie wird die ferne Geliebte aus den backroads seiner Gedanken verschwinden.

Schön ist ihre großzügige Liebe beschrieben. Die Türe ihres Hauses ist immer offen, niemand wird lange für das verantwortlich gemacht, was er einmal unbedacht gesagt hat. Man kann zu ihr zurückkehren - und sie wieder verlassen, wenn die Straße ruft, es ist einerlei. Das englische Wort gentle für das, was an sie erinnert, ist zart wie eine Feder aber auch solide wie der Charakter eines Gentleman oder einer Gentlewoman. Mit einer solchen Erinnerung im Kopf - Gentle On My Mind - ist kein Weg zu beschwerlich.

Frank Sinatra singt das Lied sehr schön:



Bekannt geworden ist es in der Version von Glenn Campbell:




Auch eine Version, in welcher der Komponist John Hartford (1937- 2001) selbst singt und sich mit dem Banyo begleitet, ist bei YouTube zu finden:


Hartford, ein Mann der Bluegrass Music war nach dem Erfolg seines Liedes ein gemachter Mann, auch wenn nicht seine Aufnahme, sondern die Version von Glenn Campbell den Weltruf brachte. Er habe das Lied in einem Zug niedergeschrieben, hat er später erzählt, nachdem seine Erinnerungen durch den Film "Dr. Schiwago" angeregt wurden.

Tom Jones hat es gesungen, Elvis Presley und viele andere. Die Akkorde sind einfach, der Rhythmus paßt zu einem wandernden Schritt. Man muß sich aber den gedrängten Text genau ansehen, bevor man ihn singt, denn er läßt sich unterschiedlich akzentuieren. Dabei führt allerdings nur ein System zu den genau zweimal acht und dann zweimal zehn Takten der Strophen, die in jeder der vier Taktfolgen einen über drei Takte hingezogenen Endton haben.

In der letzten Strophe besteht der dritte Teil dann ausnahmsweise ebenfalls aus nur acht Takten. Die dann folgenden letzten zehn Takte lassen unterschwellig noch einmal die Ungewißheit über die Länge der Wanderung anklingen. Das Ohr ist bei einfachen Liedern an Taktstrukturen gewöhnt, die sich durch vier teilen lassen und wartet irritiert auf das Ende, wenn das Ganze länger wird als erwartet. Mit diesem Effekt arbeitet das Lied auf wunderbare Weise.

Hier der Text:

It's knowing that your door is always open
And your path is free to walk
That makes me tend to leave my sleeping bag
Rolled up and stashed behind your couch
And it's knowing I'm not shackled
By forgotten words and bonds
And the ink stains that have dried upon some line
That keeps you in the backroads
By the rivers of my mem'ry
That keeps you ever gentle on my mind

It's not clinging to the rocks and ivy
Planted on their columns now that binds me
Or something that somebody said
Because they thought we fit together walking
It's just knowing that the world will not be cursing
Or forgiving when I walk along some railroad track and find
That you are moving on the backroads
By the rivers of my mem'ry
And for hours you're just gentle on my mind

Though the wheat fields and the clothes lines
And the junkyards and the highways come between us
And some other woman crying to her mother
'Cause she turned and I was gone
I still might run in silence tears of joy might stain my face
And the summer sun might burn me 'til I'm blind
But not to where I cannot see you walkin' on the backroads
By the rivers flowing gentle on my mind

I dip my cup of soup back from the gurglin'
Cracklin' caldron in some train yard
My beard a roughning coal pile and
A dirty hat pulled low across my face
Through cupped hands 'round a tin can
I pretend I hold you to my breast and find
That you're waving from the backroads
By the rivers of my mem'ry
Ever smilin' ever gentle on my mind

Sonntag, 8. Mai 2011

Sonntagsgedanken










Heute gab es in Remscheid eine schöne Predigt meines Pastors und Freundes Lothar Leese zum Kämmerer aus dem Mohrenland (Apostelgeschichte 8). In dieser Geschichte von dem klugen Gottessucher und dem ebenso klugen Gottesboten läuft alles richtig und alles auf das Happy End zu: er zog seine Straße fröhlich (8,39). Lothar und ungezählte Prediger vor ihm haben die Verse dazu benutzt, um an vielen Einzelheiten zu illustrieren, wie eine geglückte Gottessuche aussehen kann, das wurde auch heute wieder klar und angemessen herausgestellt.

Worüber selten gepredigt wird – ich kann mich an keine solche Predigt erinnern – ist über das Glück, das gleich zu Beginn der im Lesen der Bibel vertiefte Kämmerer hat, indem er scheinbar wahllos auf eine Stelle aus dem Propheten Jesaja (Kapitel 53, 7 – 8) gestoßen ist. Von dort geht seine spirituelle Reise los, und möglicherweise gelingt sie auch nur, weil sie dort anfängt.

Ich wage einmal die These: von den unzähligen Wegen zu Gott ist der ein Königsweg, der mit dem Lesen der Stellen in Jesaja beginnt, die vom leidenden Gottesknecht handeln*. Aus ihnen stammen auch die beiden Verse, die der Kämmerer liest.

Mit den Prophezeiungen des Jesaja beginnt um 600 v. Chr. eine vollkommen neue geschichtliche Phase** in den Beziehungen Gottes zu den Menschen. Es beginnt eine Ahnung davon, daß sich die Wirklichkeit Gottes auf der Welt nicht in triumphalen Siegen zeigt, sondern im geduldigen Ertragen der ganzen Fülle des menschlichen Unglücks – und der Entdeckung des Glücks, welches das ertragene Elend hervorbringen kann, wenn Gott sich auf die Seite des Leidenden stellt.


* Kapitel 42, 1 – 4, Kapitel 49, 1 – 6, Kapitel 50, 4 – 9, Kapitel 52, 13 – 53, 12

** Das arbeitet Jack Miles in seiner Biographie Gottes sehr schön heraus. Auch der Papst in seinen beiden Jesusbüchern kommt immer wieder auf den neuen Traditionsfaden zurück, der mit den Versen vom Gottesknecht beginnt.







Freitag, 25. Februar 2011

Eins gegen Zwei




Vor einigen Wochen ist im Internet ein Bericht über die Doktorarbeit des türkischen Außenministers Ahmet Davutoğlu (Bild) erschienen. Davutoğlu gilt als der Chefdenker der türkischen Regierung. Sein Buch Stratejik Derinlik (Strategische Tiefe) mit der darin entwickelten These, die Türkei könne und solle mit allen ihren Nachbarn auf der Basis einer sogenannten Null-Problem-Politik leben, ist das Standardwerk der türkischen Außenpolitik und wird von Erdogan und Davutoğlu Schritt für Schritt umgesetzt.

In seiner Doktorarbeit ist er auf die Grundzüge eines im Islam verwurzelten Staatswesens eingegangen und hat sie mit dem Begriff des Tauhid verbunden. Dieses Wort stammt aus dem Koran und bezeichnet die Einheit Gottes, sein Eins-Sein (tauhid ist aus dem arabischen Wortstamm für eins gebildet). Davutoğlu stellt die Forderung auf, dass auch alle Bewegungen eines modernen, von Muslimen geprägten Staates letztlich auf diese Einheit Gottes Bezug nehmen müssen.

Im Koran bezeichnet Tauhid den vielleicht stärksten Reformimpuls des Propheten. Er richtet sich sowohl gegen die Christen, denen Mohammed vorwarf, sie bevölkerten ihren Himmel mit viel zu vielen Personen, als auch gegen die Juden, über die er urteilte, sie seien übermäßig mit dem Streit über unterschiedliche Lehrmeinungen beschäftigt. Das Gegenmittel gegen beide Übel ist für Mohammed die Konzentration auf das Eins-Sein Gottes.

Die stärkste Wirkung des Tauhid entfaltete sich dann später als Impuls nach innen, indem aus den unorganisierten Stämmen der Arabischen Halbinsel eine schlagkräftige Einheit geformt wurde, welche recht bald die Welt veränderte.

Meine Begegnung mit frommen Muslimen in den letzten Jahren hat mir die Bedeutung dieses Eins-Seins als Lebensprinzip in starkem Maße vor Augen geführt. Es erscheint mir wichtig zu sein, dass in ihrem Denken letztlich alle Gruppen der Gesellschaft von dem Gedanken an eine große, hinter allen Dingen stehende Einheit geprägt sein sollen. Das fängt bei der Großfamilie an und endet zunächst beim Staat, für viele Muslime aber eigentlich erst bei der weltumspannenden Gemeinschaft aller Gläubigen, der Umma. Daß sie derzeit keine Einheit bildet, wird von vielen Muslimen als Schmerz empfunden. Man erinnert sich mit Sehnsucht an die Zeiten, in welchen der Sultan in Istanbul gleichzeitig der Kalif aller Muslime war, also salopp gesagt deren Papst.

Ich kenne viele Muslime, welche die demokratischen Freiheiten der westlichen Gesellschaften in vollkommen gleicher Weise genießen und unterstützen wie ich. Die meisten davon würden aber wohl eher zögern, wenn man ihnen auch ein Bekenntnis zum freien Spiel der Kräfte abverlangen würde, welches nach unserem Verständnis die Grundlage dieser Freiheiten bildet. Dass eine übermäßig stark nach links tendierende Kraft zusammen mit einer übermäßig stark nach rechts tendierenden Kraft eine Balance bildet, die in der Mitte Raum für bürgerliche Freiheiten schafft, das passt nach meinem Eindruck nicht in das muslimische Denken.

Dass in ähnlicher Weise auch eine Trenung von Staat und Kirche eine solche dialektische Balance entstehen läßt, ist ihnen kaum zu vermitteln und erscheint ihnen als Fehler und Schwächung des Westens. Muslime würden im Gegenteil eher fordern, dass die Balance durch eine Rückbesinnung auf die Verantwortung vor Gott erzeugt wird. Wenn man sich auf diese Verantwortung einigen kann, sind Meinungsverschiedenheiten auch größerer Art erlaubt und für das Finden von Lösungswegen nützlich. Aber alle Unterschiede müssen sich letztlich auf eine gemeinsamen Basis beziehen lassen.

Nun ist überall die Forderung der modernen westlichen Gesellschaften zu hören, der Islam müsse sich jetzt ebenfalls der Aufklärung unterziehen und ein dialektisches Verständnis von Wahrheit und gesellschaftlicher Ordnung entwickeln. Dies passt nicht zu der muslimischen, auf die Einheit ausgerichteteten Denkart und tut meines Erachtens den vielen gutwilligen Muslimen Gewalt an, welche die Freiheit der westlichen Gesellschaften bejahen, sie aber anders begründen würden als wir.

Nach meinem Eindruck wird sich, wenn man die Fragen offen lässt, die sich hier stellen, eine interessante Spannung an der Grenzlinie zweier großer Systeme ergeben, die durchaus fruchtbar sein kann. Es ist das Spiel "Eins gegen Zwei", bei dem die Muslime für die Eins stehen und die aufgeklärten Christen für die Zwei.

Indem es von Anfang an von zwei Parteien gespielt wird, haben die aufgeklärten Christen einen kaum einholbaren Vorteil. Sie sollten ihn nutzen, um in großer Geduld auf die Gegenpartei zu hören und vielleicht von ihr zu erfahren, was sie für ihre eigene Staatstheorie an positiven Gesichtspunkten anführen und in unsere westliche Realität einbringen kann.

So eigenartig das klingen mag, die ältere, von den Muslimen bewahrte Idee von der Einheit Gottes und der Einheit der Welt könnte das von vielen Menschen geforderte, die Aufklärung überwindende neue Denken der Postmoderne durchaus auch befördern. Die Vorstellung von einer prästabilen Einheit ist ja in gewisser Weise als ein Rest auch in unserem aufgeklärten Zweier-Denken enthalten, als eine Sehnsucht, auch als ein Ziel und ein Ende der Geschichte, so wie Hegel es für den Tag vorausgesehen hat, an dem das historische Spiel von These und Antithese sich in einer vollkommenen Synthese auflöst.

Der Amerikaner Francis Fukuyama (Bild) hat 1989 in seinem vielgeschmähten Artikel "The End of History" eine solche Hegel-Idylle entworfen. Er hat sie sogar halbwegs gefunden, nämlich in dem jetzt nach und nach auf die Bühne der Geschichte tretenden universal homogenous state der westlichen Gesellschaften, vornehmlich der Europäischen Union. So, wie Fukuyma diesen Staat beschreibt - marktwirtschaftlich, offen, die Menschen mit dem versorgend, was state of the art ist, außerdem gegenüber den anderen Staaten friedliebend - wird er ganz offenkundig von den mutigen jungen Leuten angestrebt, die in diesen Tagen in den nordafrikanischen Ländern auf die Straße gehen.

Nun sind sie aber auch gleichzeitig Muslime mit einem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Verständnis für Tauhid. Ob sie Ideen entwickeln werden für einen Staat, der ganz alte und ganz neue Ideen miteinander verbindet? Es wäre das Beste, was man der Welt wünschen könnte, wenn dies gelänge.





Samstag, 5. Februar 2011

In gleicher Weise zur Liebe fähig wie wir




In den Büchern von Colm Tóibín gibt es immer wieder den Blick von der Steilküste südlich von Dublin hinunter auf die Weite der Irischen See. Auch die für mich schönste Stelle der neu erschienenen Sammlung von Erzählungen The Empty Family beschreibt einen solchen Blick und führt an dieser Stelle auch zum Titel des Buches.

Der Ich-Erzähler hat während eines längeren Aufenthaltes in Kalifornien ein leeres Haus in Ballyconnigar an der irischen Küste gekauft und nach und nach mit Einrichtungsgegenständen ausgestattet, die er per Post in das Haus schickte. Nun kehrt er zurück und nimmt das alles zögernd in Besitz.

Einer seiner Nachbarn lädt ihn ein und zeigt ihm ein Teleskop, mit dem er die Küste und die See beobachtet. Der Blick durch dieses Fernrohr beeindruckt ihn so sehr, daß er beschließt, selbst ein solches Instrument in seinem Haus aufzustellen.

Die Szene bei Bill, seinem Nachbarn beschreibt die Wellen am Horizont, die er durch das Teleskop ganz nahe für sich heranholt. Meine Übersetzung gibt den Eindruck des Originals nur ungenügend wieder, ich füge es deshalb unten an.

Der Anblick der Wellen meileinweit draußen, ihre bemühte, hektische Einsamkeit, ihre stumpfe Gleichmut gegenüber ihrem Schicksal, weckte in mir den Wunsch zu weinen und Bill zu fragen, ob er mich für einige Zeit allein lassen könnte, um die Bilder in mich aufzunehmen. Ich hörte ihn hinter mir atmen. Es wurde mir in diesem Moment klar, daß das Meer kein Muster ist, sondern ein Kampf. Nichts zählt gegen dieses Faktum. Die Wellen waren wie Menschen, die sich da draußen bekriegten, voller Bewußtsein und Wille und Schicksal und voll von einem beständigen Gefühl ihrer eigenen Schönheit.

[…] Es gab einen Charakter von Weiß und Grau und eine Art von Blau und Grün. Es gab eine Linie. Sie verwarf sich nicht, stand aber auch nicht still. Alles war Bewegung, war verschüttete Flüssigkeit, aber es war auch reines Einschließen und Enthalten, zutiefst konzentriert, gerade so wie ich, der ich dem zusah. Es hatte einen elementaren Zugriff, es war etwas, das mit einem Willen auf uns zukam, als wolle es uns retten, aber dann tat es nichts, es zog sich mit einer achselzuckenden Ironie zurück, als wollte es andeuten, daß genau dies es ist, was die Welt ausmacht, und daß unsere Zeit darin, mit aller erhabenen Möglichkeit, mit aller Komplexität und drängenden Leidenschaft, in nichts endet, auf einen kleinen Strand, und dann zurückgeht um sich wieder mit der leeren Familie zu vereinigen, von der wir auf uns gestellt aufgebrochen waren, in einem starken Ausbruch von mutiger, nichts wissender Energie.

Ich lächelte für einen Moment, bevor ich mich herumdrehte. Ich hätte ihm sagen können, daß die Welle, die ich beobachtet hatte, in gleicher Weise zur Liebe fähig ist, wie wir es in unserem Leben sind.


Später erzählt Tóibín (Foto), den man hinter dem Ich-Erzähler unschwer erkennen kann, von seiner Lehrtätigkeit und seinem mit Büchern verbrachten Leben. Er ist unsicher darüber, ob er das Leben auf der Steilküste angesichts der jenseits aller Sprache existierenden Meereswildnis gegen das frühere Leben eintauschen kann.

Die Geschichte schließt mit dem starken Gegensatz zwischen der Beobachtung des reichen Chaos auf dem Meer und den erst viel später anzusiedelnden Worten, die erst einmal zum Schweigen gebracht werden müssen.

Ich träumte davon, das Teleskop hier draußen aufzustellen, vor mir, wo ich jetzt sitze, auf das Stativ, das ich ebenfalls bestellen würde, und dann langsam damit zu beginnen, mich auf eine sich kräuselnde Linie aus Wasser zu konzentrieren, einem Stück der Welt, die der Tatsache gleichgültig gegenübersteht, daß es Sprache gibt, daß es Namen gibt, um die Dinge zu beschreiben, und Grammatik und Wörter. Mein Auge, einsam, mit seiner eigenen Geschichte gefüllt, ist verzweifelt bemüht, zu entkommen, zu löschen, zu vergessen; es beobachtet jetzt, beobachtet scharf, wie ein Wissenschaftler, der auf der Suche nach einer Heilmethode ist, es entscheidet sich, für einige Tage alles über Worte zu vergessen, endlich zu wissen, daß die Worte für Farben, für das Blau-Grau-Grün des Meeres, das Weiß der Wellen sich nicht gegen die Fülle der Beobachtung des reichen Chaos stellen, das sie hervorbringen und tragen.


Das Original:

The sight of the waves miles out, their dutiful and frenetic solitude, their dull indifference to their fate, made me want to cry out, made me want to ask him if he could leave me alone for some time to take this in. I could hear him breathing behind me. It came to me then that the sea is not a pattern, it is a struggle. Nothing matters against the fact of this. The waves were like people battling out there, full of consciousness and will and destiny and an abiding sense of their own beauty.

[…] There was a whiteness and greyness in it and a sort of blue and green. It was a line. It did not toss, nor did it stay still. It was all movement, all spillage, but it was pure containment as well, utterly focused just as I was watching it. It had an elemental hold; it was something coming towards us as though to save us but it did nothing instead, it withdrew in a shrugging irony, as if to suggest that this is what the world is, and our time in it, all lifted possibility, all complexity and rushing fervour, to end in nothing on a small strand, and go back out to rejoin the empty family from whom we had set out alone with such a burst of brave unknowing energy.

I smiled for a moment before I turned. I could have told him that the wave I had watched was as capable of love as we are in our lives.


I dreamt of setting it up out here in front of where I am sitting now, on the tripod that I would have ordered too, and starting, taking my time, to focus on a curling line of water, a piece of the world indifferent to the fact that there is language, that there are names to describe things, and grammar and words. My eye, solitary, filled with its own history, is desperate to evade, erase, forget; it is watching now, watching fiercely, like a scientist looking for a cure, deciding for some days to forget about words, to know at last that the words for colours, the blue-grey-green of the sea, the whiteness of the waves, will not work against the fullness of watching the rich chaos they yield and carry





Sonntag, 23. Januar 2011

Facebook-Gottesdienst




Mit herzlichem Dank an alle, die teilgenommen, Grüße geschickt und in vielerlei Weise mitgeholfen haben, zeige ich hier

- das kleine Video über die Internet-Weihnachtsgeschichte "The Digital Story of Nativity", das wir im Gottesdienst gezeigt haben,
- das Video aus Lodz in Polen, das Pastor Leszek Wakula extra für uns gemacht hat und das wir ebenfalls im Gottesdienst gezeigt haben,
- meine Predigt in der etwas längere Form (im Gottesdienst hatte ich sie gekürzt).

Als nach etwa 20 Minuten die Gemeinde mit viel Lachen auf das Nativity-Video reagierte, waren meine Sorgen vorbei, daß einige Leute mit Unverständnis reagieren würden, und ich habe mich am weiteren Verlauf des Gottesdienstes selbst freuen können.


The Digital Story of Nativity:





Leszek Wakula aus Lodz, Polen:





Meine Predigt:


Die Generation Google lebt in einer großen Erwartung. Sie erwartet, daß alles Wissen dieser Welt so zur Verfügung gestellt wird, daß man es schnell und zuverlässig über das Internet abrufen kann.

Diese Erwartung ist nicht neu, sie hat eine Vorgeschichte. Und die beginnt mit einer einfachen Sache: mit der Vergeßlichkeit des Menschen. So lange es diese Vergeßlichkeit gibt – und die gibt es natürlich, solange es Menschen gibt – ist auch der Wunsch da, einen Ort auf der Welt zu haben, wo man alles findet, was man gerne behalten möchte oder auch neu wissen will.

Es ist schon eine Zeit her, etwa 500 Jahre, da sind die Menschen diesem Wunsch einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Damals, um das Jahr 1500 herum, wurde bekanntlich die Buchdruckerkunst erfunden, und die Menschen haben durch die Bücher einen wichtigen Weg entdeckt, ihre Vergeßlichkeit zu besiegen. Die Nachschlagewerke kamen, und sie wurden zu einer großen Zauberwelt, in der man alles nachsuchen und finden konnte.

Vielleicht hat man damals ganz ähnlich wie heute darüber geklagt, daß der Kontakt von Mensch zu Mensch leidet, daß nämlich jetzt all die schönen Geschichten, die man bisher mündlich weitergegeben hatte, von Generation zu Generation, „nur noch“ in den Büchern aufbewahrt würden und nicht in den lebendigen Köpfen und Herzen und Erinnerungen der Menschen. Aber wie wir wissen, hat das Erzählen von Geschichten nicht aufgehört, und auch wenn wir die Geschichte von Schneeweißchen und Rosenrot nicht mehr in allen Einzelheiten in Erinnerung haben, so kennen wir sie doch und wissen zur Not, wo das Buch steht, aus dem wir den Kindern vorlesen können. Das sollte uns hoffnungsvoll machen, was die Angst betrifft, die neuen Techniken würden alles zerstören. Das muß nicht sein.

Damals haben auch die Kirchen, die sich in dieser Zeit in vielfacher Weise reformiert haben, angefangen, Bücher zu nutzen und neben der Bibel auch Nachschlagewerke zu drucken, in denen man Fragen des Glaubens sozusagen „googeln“ konnte. Eines der berühmtesten Bücher dieser Art erschien um das Jahr 1640 in London und erhielt den Namen Westminster Katechismus. In „Katechismus“ steckt das Wort für Unterrichten, also ein Unterrichtsbuch, ein Lehrbuch. Dieses Buch gibt in 107 Fragen und 107 Antworten Auskunft über die Grundlagen des Glaubens, und man konnte also anhand dieses Buches Tatsachen über den Glauben nachschlagen, die man vergessen oder noch nicht gelernt hatte.

Bitte stören Sie sich jetzt nicht daran, daß ich ein fast 400 Jahre altes Buch hervorkrame. Ich habe immer wieder gehört und gelesen, daß die erste, ganz kurze Frage des Westminster Katechismus und die erste, ebenfalls ganz kurze Antwort für viele Christen im englischsprachigen Raum und darüber hinaus bis heute eines der tiefsten Fundamente ihres persönlichen Glaubens sind, vielleicht deshalb, weil Frage und Antwort so überraschend einfach sind.

Die Frage ist: was ist das oberste Ziel des Menschen (What is the chief end of man)?

Und die Antwort: Sein oberstes Ziel ist es, Gott die Ehre zu geben und sich an ihm für immer zu erfreuen. (Man’s chief end is to glorify God, and to enjoy him forever).

Im Englischen heißt es glorify also wörtlich übersetzt glorifizieren, das ist aber nicht das richtige Wort. Gott soll sicherlich nicht in der Art glorifiziert werden, wie wir etwa die Heldentaten einer siegreichen Fußballmannschaft glorifizieren. Gemeint ist eher, daß wir unser Leben so einrichten, daß wir etwas Höheres über uns anerkennen, ja es in unser Leben einbeziehen und es mit unserem Denken und Handeln unterstützen, es tatsächlich hochheben. Das sollen wir so tun, daß wir uns daran – und hier steht enjoy von joy, Freude – erfreuen können, und zwar für endlose Zeiten, Zeiten, die unser eigenes Leben weit überschreiten.

Wenn man den Computer selbst übersetzen läßt, kommt das Wort genießen für diese Freude heraus, sich erfreuen, genießen, so wie man "enjoy your holidays" sagen kann, genieße deine Ferien. Da möchte man als älterer Mensch eher bremsen und sagen, das ist schon zu viel Jugendkult- Genußsucht!- aber enjoy kann das ja tatsächlich heißen, also lassen wir es so stehen, “genießen”.

Könnte es Sinn machen, wenn die Christen mit einem großen Schild durch die Stadt laufen "Genießt Gott!”? Einiges spricht dafür, daß sie es tun sollen. Vielleicht sollten sie dabei aber immer das zweite Schild mitführen und die Doppelbewegung des ganzen Satzes aufnehmen. Die Ehre geben und genießen – gib einer größeren Macht über dir gedanklichen Raum, gestatte ihr, dein Denken zu erreichen, dein Leben – und dann lebe mit ihr, damit am Ende alles in eine großen Freude einmünden kann, eine große Freude ohne Ende.

Daß man Gott die Ehre gibt, bedeutet nicht, daß man vor jedem Kruzifix in Andacht verfällt, vor jeder Kirchentür ehrfürchtige Schauer bekommt. Es bedeutet, daß man sein Leben in einen größeren Zusammenhang stellt, ein Oben und Unten anerkennt, einen Schöpfer und ein Geschöpf, einen Anfang und ein Ende. Es entsteht auf diesem Weg ein sinnvoller Zusammenhang, in dem ich selbst meinen Platz im Universum finde.

Was meine konkrete Ehrerbietung Gott gegenüber betrifft, so kann ich sie in einem sichtbaren Zeichen ausdrücken, indem ich denen Ehre erweise, die Gott mir an die Seite gestellt hat: meinen Nächsten, meiner Menschenschwester und meinem Menschenbruder neben mir.

Der Sinn eines solchen Lebens ist diese endlose Freude, joy forever, von welcher der Katechismus spricht. Ich möchte sie über das Ende unseres Gottesdienstes stellen, als eine große Verheißung, die alle Menschen gilt, Mark Zuckerberg, Melanie, Denise, Murat*, mir, uns allen. Ich wünsche Ihnen, wünsche Euch allen diese endlose Freude an Gott.

Amen.

* Melanie Bergerhoff hatte mit mir den Gottesdienst moderiert, Denise Stelkens und Murat Aktaş hatte sich für Interviews zur Verfügung gestellt.



Donnerstag, 6. Januar 2011

Vergessene Kirchen




Philip Jenkins, Das Goldene Zeitalter des Christentum


Die unterschiedlichen Namen der christlichen Kirchen in diesem Buch könnten verwirrend wirken, diese Kirchen sind aber eigentlich alle Kinder der Syrischen Kirche, deren Besonderheit es war, immer mit dem Lebens- und Sprachraum Jesu und seiner Jünger verbunden geblieben zu sein. Die Syrer zu Jesu Zeiten sprachen ja ebenso wie er Aramäisch, eine dem hebräischen verwandte Sprache, und in den heute noch vorhandenen Resten der Syrisch-Orthodoxen Kirche, in denen die alte Sprache noch gepflegt wird*, findet sich oft ein synonymer Gebrauch der beiden Worte Syrisch und Aramäisch.

Die Kirche wurde lange Zeit von der syrischen Hauptstadt Antiochien** aus verwaltet und war in ihrem Gebiet vermutlich der alten römischen Provinz Syrien ähnlich, deren aus der Weihnachtsgeschichte bekannter Landpfleger Cyrenius ja auch für Galiläa und Judäa zuständig war. Die Syrische Kirche hat von Antiochien aus sehr bald eine erfolgreiche Ostmission begonnen und in der Folge ihr Zentrum nach Bagdad verlegt. Von dort aus gingen Missionare immer weiter nach Osten und gründeten bald neue Gemeinden in Indien, in Zentralasien und am Ende auch in China.

Der Erfolg der Syrischen Kirche wurde auch dann nicht gebremst, als um das Jahr 700 herum die Muslime die Herrschaft in Bagdad antraten. Der Kalif als Oberhaupt des Islam und der Katholikos als Oberhaupt der syrischen Kirche pflegten einen freundschaftlichen Umgang miteinander und genossen vielleicht sogar gemeinsam ein wenig die zauberhaften Jahre, in denen Tausendundeine Nacht lebendig wurde. Ein Teil der dem Islam zugeschriebenen Rettung alten griechischen Wissens dürfte auch dem fruchtbaren Dialog der beiden Religionen zuzuschreiben sein.

Auch mit anderen Religionen gibt es freundschaftlichen Umgang. Seite an Seite sitzen buddhistische und christliche Mönche in China und helfen sich gegenseitig bei der Übersetzung ihrer heiligen Texte in die Landessprache. Der Friede ist sicherlich nicht immer ungestört, dauert aber im wesentlichen bis ins Mittelalter an.

Foto: Syrisch-Orthodoxes Kloster Mor Gabriel, gegründet 397, in der südlichen Türkei.

Von Zeichen und Wundern wird berichtet, welche die Mission über Jahrhunderte begleiteten. Auch eine tiefe Frömmigkeit wird bezeugt, die sich aus der Überzeugung speist, Gott sei Mensch geworden, damit die Menschen ihm ähnlich werden könnten. Der tiefe Eindruck, den diese Christen machen, klingt auch lange nach ihrem Verschwinden noch nach.

Aus unterschiedlichen Gründen, denen Jenkins in vielen Einzelüberlegungen nachgeht, die er aber letztlich nicht zu einem Gesamtbild fügen kann und will, beginnen dann aber in der zeit um 1200 Zeiten der Gewalt, die überall zu Vertreibungen und Vernichtungen führen. Damals wird die alte ägyptische Kirche der Kopten so in ihrem Bestand dezimiert, daß sie bis heute in ihrer Stellung einer an den Rand gedrängten Minderheit verblieben ist. Mehrfach fallen die Mongolen vom Norden ein und stoßen in die Länder des Nahen Ostens vor. Sie sind ursprünglich Animisten, bekehren sich nach einigen Hin und Her aber zum Islam, ohne dabei allerdings die tolerante Haltung der früheren Muslime zu übernehmen.

Es gibt in dieser Zeit Missernten, Klimaveränderungen, die Pest. Aus dem nachfolgenden Verteilungskampf erwächst ein stärker werdender Druck auf die Minderheiten der damaligen Gesellschaften. Das gilt nicht nur für den Bereich des Islam. England weist im Jahre 1290 alle Juden aus, Frankreich folgt 1394. Die Welt zwischen Atlantik und mittlerem Osten tritt in eine gewaltbereite Umbruchphase ein.

Besonders gefährlich ist die Lage für solche Minderheiten, die im Verdacht stehen, mit äußeren Feinden zusammenzuarbeiten. Wer etwa unter Moslems lebt und mit den Kreuzfahrern in Verbindung gebracht wird, muß bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit ihnen das Schlimmste befürchten. Das Schicksal der Armenier, deren Ermordung 1915 durch die Türken mit ihrer Nähe zum russischen Kriegsgegner legitimiert wurde, hat in dieser Zeit ein vielfältiges Vorspiel.

Trotz aller traurigen Auseinandersetzungen zeichnet Jenkins ein erstaunlich positives Bild einer gegenseitigen Inspiration der Religionen. Selbst nach dem Untergang einer unterlegenen Religion bewahrt ihre siegreiche Schwester die Geheimnisse ihrer Vorgängerin auf und entwickelt sie weiter. Die Sufi-Mystiker im zentralen Anatolien pflegen einen langen und herzlichen Kontakt zu den frommen christlichen Mönchen dort und entwickeln in dieser Zeit eine im gesamten Islam einzigartige Weltsicht und Frömmigkeit. Andere Muslime lassen sich von der überragenden Bedeutung Christi überzeugen und gestehen ihm zu, von Gott adoptiert worden zu sein.

Umgekehrt empfinden fromme Christen dem Islam nicht als eine ferne, neue Religion, sondern bestenfalls als eine christliche Absplitterung, eine Sekte, deren Glauben man nicht in allen Punkten teilt, deren gemeinsame Wurzeln man aber anerkennt.

Am Ende gewinnt Jenkins aus seinem Blick auf das Trümmerfeld ungezählter untergegangener Glaubensgemeinschaft eine seltsam tröstliche Perspektive. Sind sie wirklich untergegangen? Steht nicht jede der früheren Generationen einem Wort des deutschen Historikers Leopold von Ranke entsprechend unmittelbar zu Gott? Jenkins erweitert den Gedankenn Rankes um die Anschauung von der Gemeinschaft der Heiligen, die um Gottes Thron stehen. Jede Generation ist vertreten, nichts ist verloren.

Und Jenkins wagt am Ende die Frage, ob an der Romangeschichte*** nicht etwas Wahres sein könnte, in der ein zum Tode verurteilter christlicher Märtyrer im 16. Jahrhundert kurz vor der Exekution Kraft und Trost gewinnt, indem er sich in einer mystischen Einheit mit einer Nachfolgerin verbindet - einer Christin des 20. Jahrhunderts.

Die Geschichte ist eine Kette, und The Chain of Memory is Resurrection, die Kette der Erinnerung ist Auferstehung.****


* bei meinem Besuch im Kloster Mor Gabriel in der Türkei, sagte mir ein alter aramäischer Christ das Vater Unser in Jesu Sprache, das hat damals einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Abuhn dabashmaya, nethkadasch schamach... Hebräisch klänge es so: Avinuh b'schamajim, jitkadasch schemcha.

** wo die Christen laut Apostelgeschichte 11 erstmals mit dem griechischen Namen Christianoi benannt wurde (meinem Vornamen, in Ewigkeit soll es den Antiochiern nicht vergessen werden...). Heute heißt der Ort Antakya und liegt in der Türkei, unweit der syrischen Grenze.

** aus:
Charles Williams: Descent into Hell.

*** mit diesem Zitat aus
einem Gedicht von Charles Olson endet das Buch.