Sonntag, 26. September 2010

Nachklang





Unser Korsika-Urlaub wäre unvollständig geblieben ohne den letzten Abend und der tief beeindruckenden Begegnung mit der alten korsischen Musik. Zusammen mit etwa 100 Besuchern in der Kathedrale Èglise Sainte Marie oben in der Zitadelle von Calvi, gleich gegenüber der Kaserne der Fremdenlegion, haben wir gebannt den sieben Männern von „U Fiatu Muntanu“ und ihrer Musik gelauscht und am Ende eine lange Reihe von Zugaben herausgeklatscht. Das wie ein altes Gemälde wirkende schlichte iPhone-Foto oben zeigt die Konzertbesucher beim Betreten der Kathedrale.

Die traditionelle Polyphonie der Korsen stammt wie die meiste gute Musik aus dem Raum der Kirche. Dabei ist sie mit ihren tiefen Bässen ebenso dem Gesang der orthodoxen Popen verwandt wie sie mit ihren hohen Stimmen – einem Bariton als Melodiestimme und einem oft falsettartigen Tenor darüber - und mit ihren eigenartigen Koloraturen an den Gesang von Muezzinen erinnert. Die Männer stellen sich zum Singen in einen Kreis und achten wunderbar sensibel auf einen Gleichklang ihrer Stimmen, der sich oft erst nach tastenden Versuchen einstellt und in einem langsam sich aufbauenden Schlußakkord zum Höhepunkt kommt. Die Sänger halten dabei oft eine Hand muschelförmig an ihr Ohr, um besser zu hören, was sie selbst singen und wie es im Zusammenklang wirkt.

Ein Amateur hat ein kleines Video der Gruppe in YouTube eingestellt, auf dem man Tenor und Bariton in der Mitte des Bildes gut sieht und hört. Die drei Bässe stehen rechts, verdecken sich gegenseitig und sind nicht so gut zu hören. Ihre warmen und unaufdringlichen Stimmen bilden aber immer das Fundament, für das man diese Musik ganz wie von selbst zu lieben beginnt, sobald man ein paar Takte gehört hat. Das Stück hier ist eher einfach und volksliedhaft:



Die Bässe sangen an diesem Abend fast alle ihre Grundarrangements in moll, wobei sie immer wieder sehr variantenreiche Tonsprünge hinüber in andere Tonarten vollzogen und trotzdem in vertrauten Dreiklängen blieben. Ihre Musik war nie langweilig, man merkte es auch den anderen Zuhörern an, daß sie intensiv und gebannt den Klängen lauschten. Die Männer sangen und spielten (auf Standard-Gitarren und Lauten, wenn nicht a-capella gesungen wurde) völlig unprätentiös, hatten nicht einmal Verbeugungen für den Schlußapplaus eingeübt und wirkten gerade so, als ob man sie in ihrem Wohnzimmer beim gemeinsamen Musikmachen besuchte. Ein Teil der Gruppe erschien sogar zu spät zum Konzert, so daß man sich anfangs Sorgen machen mußte, ob das Konzert überhaupt geregelt stattfinden würde.

Am Morgen danach haben Christiane und ich auf der Fahrt zum Flughafen Petru Guelfuccis Corsica, das ich gestern vorgestellt habe, mehrfach gehört und die Verwandtschaft zur Polyphonie festgestellt. Ich habe lange keine moll-Musik mehr gehört, die ihre Zuhörer am Ende so glücklich hinterläßt wie diese von Popen und Muezzinen abstammende Musik der Korsen.




Hier auch der Versuch einer deutschen Übersetzung:

In einem Winkel der Welt
eine kleine Ecke der Zärtlichkeit,
in meinem Herzen, majestätisch,
duftende Reinheit,
Juwel eines Wunders.
Man findet nichts gleiches,
nichts von diese Art,
es ist einzig, allein und geliebt.

Korsika.

Immer beneidenswert
diese Felsen im Meer,
glitzernder Schatz,
heilig wie ein Altar.
Ruhig, sanft wie ein Lamm,
großzügig und einladend,
aber revoltierend und rebellierend,
wenn man das seine verachtet.

Korsika.


Samstag, 25. September 2010

Abschied vom Reiseschriftsteller





Heute um 13.00 Uhr bringt uns Germanwings von Bastia zurück nach Köln. Wir nehmen Abschied von einer schönen Zeit auf einer schönen Insel. Für mich ist es der Abschied von meinem Leben als „Reiseschriftsteller“, das setze ich in Anführungszeichen, weil mir gerade in diesem Urlaub bewußt geworden ist, wieviel mir für dieses Leben fehlt.

Die Korsikaberichte meines großen Vorbildes W. G. Sebald, die wir uns an manchen Originalschauplätzen laut vorgelesen haben, machen sehr deutlich, was man mitbringen muß, um wirkliche Reiseliteratur zu schreiben. Es muß eine Literatur sein, die sich weit über das Niveau von Postkartengrüßen erhebt und wirklich das erzählt, was die Menschen interessiert und betrifft.

In dem Bergdorf Evisa sitzt Sebald in der Nachsaison an einem verregneten Tag in einem Dorfcafé und sieht einem blinden, ärmlich gekleideten Einheimischen zu, wie der sein Glas Pastis trinkt. Das milchige Grau in seinem Getränk korrespondiert eigenartig mit der Farbe seiner erloschenen Augen. Draußen geht im Regen eine schwarz gekleidete Frau vorbei, dann ein Schwein „in die andere Richtung“, notiert Sebald genau. Sonst geschieht nichts. Dann kommen allerdings aus dem Radio korsich-patriotische Lieder und Vorträge, von denen Sebald im Folgenden genauere Kenntnisse mitteilt. Er hat also recherchiert, hat bei der Kellnerin gefragt, vielleicht sogar über die Radiostation etwas in Erfahrung gebracht. Am Ende steht ein in sich abgeschlossenes perfektes Bild.

Bei unserem Besuch (Foto oben) gingen dagegen nur Touristen die Straße auf und ab, aus den Lautsprechern der Cafés kam die übliche Welt-Pop-Musik, kein Schwein weit und breit. Was wäre zu tun, um trotzdem Sebald-Literatur zu gewinnen? Nun, zum einen muß man wohl mehr Zeit mitbringen als wir sie hatten. Auch eine Reise als Einzelperson, meine Frau möge den Gedanken verzeihen, ist ggf. anzuraten, weil man für manche Situationen still und beharrlich wie ein Jäger ansitzen muß.

Als Drittes – und hier nun keimt für jeden modernen Aspiranten der Reiseschriftstellerei wieder Hoffnung auf – muß Gelegenheit zur Recherche gefunden werden. Die Möglichkeit dazu ist in den 15 Jahren, seit Sebald in Evisa war, exponentiell gewachsen, durch das Internet. Ich erwähne nur das Beispiel der melancholischen Musik des Korsen Petru Guelfucci, die ich über das iPhone identifizieren konnte und nun durch Wikipedia- und sonstige Einträge über den Sänger ergänzen kann (siehe ganz unten).

Vielleicht gibt es eine Geschichte über ihn, die sich weiterzugeben lohnt, die Dich, mein verehrter Leser, anspricht. Dir ganz persönlich gilt der Dank für die Begleitung durch meinen Urlaub – durchschnittlich etwa 35 Besuche meines Blogs pro Tag waren zu verzeichnen, das ist eine stattliche Zahl. Wenn Du dies bis zum Ende gelesen hast, darfst Du beim nächsten Besuch in Remscheid ein Glas kühlen korsischen Rosé bei mir trinken, Neuentdeckung der Abende hier, oder wenn Du keinen Alkohol trinkst, treuer Nachfolger der Hohen Quran, ein Brot mit Marmelade vom Erdbeerbaum, mit Tee dazu. Ich muß alles nur in Deutschland finden und kaufen, denn im Koffer ist kein Platz mehr.

Zum wehnmutsvollen Schluß jetzt das komplette Lied Corsica von Petru Guelfucci, 1955 geboren in Sermanu in der Castaggniccia, südlich von Bastia. Unten angehängt auch der Text, in Korsisch und Französisch.





In un scornu di lu mondu,
Ci hè un lucucciu tenerezza
Ind'u mio core, maestosu,
Imbalsama di purezza
Ghjuvellu di maraviglie,
Ùn ne circate sumiglie,
Ùn truverete la para ;
Ghjè ùnica, sola è cara.

Córsica.

Face sempre tant'inviglia
Ssu scogliu ciottu in mare,
Tesoru chì spampilla
Sacru cume un altare.
Calma, dolce cum'agnella,
Generosa è accugliente,
Si rivolta è si ribella
S'omu disprezza a so ghjente.

Córsica.

Französisch:

Dans un recoin du monde
il est un petit coin de tendresse
qui dans mon coeur, majestueux,
embaume de pureté
joyau de merveilles,
n'en cherchez pas de semblables,
vous n'en trouverez pas de pareil ;
elle est unique, seule et chérie.

Corsica.

Il fait toujours tellement envie
ce rocher dans la mer
trésor étincelant
sacré comme un autel.
Calme, douce comme un agneau,
généreuse et accueillante,
elle se révolte et se rebelle
si l'on méprise les siens.

Corsica.



Freitag, 24. September 2010

Calvi und die Calvinisten





Vermutlich hat es bei der Wahl des Ortes keine Rolle gespielt, daß vor etwa 20 Jahren dem freikirchlichen Missionswerk Neues Leben der Name Calvi gefallen hat. Man hat hier ein großes Urlaubszentrum gebaut. Es klingt ja in Calvi (rein zufällig und ohne Bezug zu Johannes Calvin) etwas von der calvinistischen Strenge an, die traditionell auch einen Teil der freikirchlichen Lebensführung ausmacht. Zu ihr hat Anton Schulte, der Gründer von Neues Leben, in seinen Botschaften immer wieder aufgerufen.

Aber Strenge zu vermitteln, kann kaum der Zweck der schön unter Pinien gelegenen Ferienanlage Les Résidences Pinéa sein, dafür erzählen hier Himmel, Sonne, Meer und Berge zu viel von der Güte Gottes, der den Menschen solche angenehmen Plätze einrichtet.

Allerdings gibt es den Wunsch vieler Christen, den Urlaub zu einer Rückbesinnung auf den Glauben zu nutzen, und diesem Wunsch kommen die Betreiber der Anlage seit der Gründung immer wieder mit frommen Angeboten entgegen, mit eigens dafür eingeladenen Referenten und einem ansprechenden Musikprogramm. Mein Remscheider Pastor und Freund Lothar Leese gehört seit längerem zum Kreise dieser Referenten, und er hat sich mit den Veranstaltern so arrangiert, daß er hier Urlaub macht, dabei aber für einen Teil seiner Logis und seiner Kost arbeitet.

Kann man im Urlaub Gott besser begegnen als im Alltag? Ich hoffe ja immer, mit meinem Blog weit in die Welt der Skeptiker, Agnostiker und Atheisten hinein Zuhörer und Gesprächspartner zu finden. An sie denke ich, wenn ich hier mein vorsichtiges Plädoyer für eine Gottessuche im Alltag und nicht im Urlaub vorbringe.

Der Urlaub verlangsamt selbst für Leute, die wie ich ständig herumlaufen, online sind und immerfort etwas schreiben wollen, das Leben so sehr, daß es schöner, angenehmer und müheloser erscheint, als es in Wirklichkeit ist. Der Gott, der uns in der Bibel begegnet, will aber ein Gott des Alltags sein, will die Wege begleiten, die wir der Not gehorchend gehen, nicht der Freiheit, will die Bedingungen des Menschseins mit uns teilen, und die sind nun einmal nicht auf Urlaub als default mode eingestellt.

Trotzdem wünsche ich Lother viel Erfolg in seinem Tun und hoffe, daß er die Arbeit noch lange fortsetzen kann. Christen sind gerade im Urlaub oft allein und ohne die gewohnten und sie aufbauenden Kontakte zu ihren Mitchristen. Dabei ist das Christentum von Anfang an eine Gemeinschaftsreligion gewesen, da ist es gut, auch in den Ferien Christen in der Nähe zu haben. Wenn man dann außerdem noch neue Exemplare von Gläubigen hier in Calvi findet – desto besser. Lothar kommt jedenfalls in dieser Beziehung oft gestärkt und ermutigt aus Calvi zurück.

Die Calvinisten sollen leben!



Mittwoch, 22. September 2010

Meeresstille und glückliche Fahrt






Meine Frau Christiane liebt die Schiffahrt, und zwar besonders die gemütliche Fahrt mit kleinen Boten vom Typ Müllemer Böötche (Mülheimer Böötchen, einer Sorte Kölner Vergnügungsdampfer). Sie liebt die Kaffefahrten auf dem Rhein, aber auch die Touren mit flachen Booten auf den Kanälen von Amsterdam oder Brügge oder mit den Istanbuler Linienschiffen auf dem Bosporus und dem Marmarameer. So war sie auch heute die treibende Kraft, um die recht teure, wie sich später herausstellte, den Preis aber vollkommen rechtfertigende Schiffsreise zum Naturschutzgebiet Scandola zu erstehen.

Unser gleichnamiges Schiff Scandola brachte uns innerhalb einer Stunde vom Hafen bis an die Nordspitze des Golfs von Porto und von dort zurück zu einer Kaffeepause in dem kleinen Fischerdorf Girolata, das nur vom Wasser aus oder über Fußwege aus den Bergen zu erreichen ist. Die von schroffen und teils phantastisch geformten Felsen umsäumte Küste war in früheren Zeiten ein Tummelplatz für Seeräuber. Heute nutzt man die Unzugänglichkeit von der Landseite her aus, um Teile des Gebietes als Naturschutzraum fast völlig von der Umwelt abzuschließen.

Das Wetter war etwas bedeckt, aber die Luft war ungeachtet des Herbstbeginns angenehm warm, selbst im Fahrtwind. Wir fuhren die in unterschiedlichen Rottönen und teilweise sogar in Violett schimmernde Küste des Golfes entlang, der von einigen Liebhabern als einer der schönsten Orte auf der ganzen Welt beschrieben und von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt wurde.

Auf dem Weg zurück nach Porto kam die Sonne durch die Wolken, und die Berge am Ufer leuchteten in den schönsten Farben. Aus den Lautsprechern ertönte korsische Musik, die ganz am Ende in ein klagendes Geigensolo überging, das ich schon einmal gehört hatte: es unterlegt die Homepage des Hotels „Les Roches Rouges“, hier kann man es hören*.

Die Sonne verschwand wieder, aber als sie kurz vor dem Untergehen erneut als goldener Ball über dem Wasser sichtbar wurde, beeilten wir uns, noch einmal nach Piana hochzufahren und die Calanche glühen zu sehn. Im Hotel sind wir nicht gewesen, wir hatten uns in der Eile nicht mehr angemessen bekleiden können.



Auf dem Rückweg ging der Vollmond über den hohen Bergen im Landesinneren auf, begleitet von Jupiter. Am frühen Morgen weckte er mich mit gleißenden Licht, das direkt in unser Zimmer schien und die Meeresoberfläche in einen silbernen Spiegel verwandelte.

Irgend jemand führt über unsere Reise gnädig Regie und sorgt dafür, daß wir, wie man sagt, das volle Programm bekommen.

*Wunder der Technik: das iPhone (Applikation "Shazam") analysiert die Melodie als zu einem Album von Petru Guellfucci gehörend, "Corsica", bei Amazon kann man es kaufen.



Dichtung und Wahrheit






Der Schriftsteller W. G. Sebald hat über Korsika berichtet, nachdem er die Insel um das Jahr 1995 herum bereist hat. Einige Stücke sind noch zu seinen Lebzeiten erschienen (er starb 2004), einige wurde posthum veröffentlicht. Ein wichtiger Ausgangspunkt für viele seiner Gänge und Fahrten war das altehrwürdige Hotel Les Roches Rouges in Piana, das seinen Namen den weltberühmten roten Felsen der Calanche verdankt, auf welche es blickt. Er hat diese Felsen wunderbar beschrieben, wie sie in der untergehenden Sonne ihr Rot noch einmal vertiefen und verstärken und wie ihm Feuer brennen.

Der enorme Eindruck, den dieses Naturschauspiel macht, wird auch in den Touristenführern beschrieben. Leider konnten wir uns kein eigenes Bild machen, weil am ersten Tag die Sonne bereits eine Stunde vor Untergang hinter den Wolken verschwand. Am zweiten Tag war es dann vollständig bewölkt, und das Rot der Steine leuchtete nur schwach. Trotzdem ist der zauberhafte Reiz der manchmal scheinbar zu Fabelwesen verformten Steine, durch deren Felsengarten sich eine enge Paßstraße von Piana hinunter zum kleinen Hafen von Porto windet, sehr stark.

Sebald hat bei einem Gang von Piana (450 m über dem Meer) hinunter an die idyllische, kaum 100 m breite Badebucht von Ficaghiola seine Kräfte überschätzt, ist zunächst fast zu weit hinausgeschwommen und hat dann auf dem Rückweg viel Schweiß auf der endlos sich hinauf nach Piana schlängelnden Straße vergossen. Oben angekommen besucht er in einem Zustand großer Erleichterung den Friedhof von Piana. Hier beginnt in „Campo Santo“ eine längere Betrachtung über das Verhältnis der Lebenden zu den Toten, die Sebald noch durch Material aus einem Buch eines seiner Kollegen an der Norwicher Universität ergänzt. Wir gehen mit dem Sebald-Buch in der Hand über den kleinen Friedhof und finden alles so, wie er es beschrieben hat.

Gerne hätten wir auch in Ficaghiola gebadet, man kann den Ort mit dem Auto erreichen, aber die Straße, die hier in eine Art von Schlucht abstürzt, ist nichts für die Nerven meiner Frau. Außerdem erfahren wir von Wanderern, die wir in der Nähe von Piana auf dem Höhenweg zum ganz im Westen gelegenen Capu Rossu treffen, daß der Badestrand gestern wegen schlechter Wasserqualität gesperrt wurde. Hier hat Sebald, am Strand liegend, den kleinen Bach, dessen quecksilbriges Wasser selbst jetzt, am Ende des Sommers, ohne Unterlaß […] über die letzten Granitstufen der Talsohle herablief, um lautlos auf dem Strand seinen Geist aufzugeben und zu versickern, vermutlich nicht als potentiell mit den Abwässern des Dorfes kontaminiert erkannt und statt dessen eine quecksilbrige Idylle geschaffen.

Das Hotel selbst habe ich bislang nur von außen betrachtet. Es beherrscht in seiner hohen, schmalen Bauweise mit Proportionen wie eine große, auf die Reibeflächen gestellte Streichholzschachtel, das Panorama des Ortes und ist von der Flotte der im Baumhof geparkten Limousinen her zu urteilen nicht ganz so out-of-date wie Sebald es schildert. Man freut sich, daß unsere Dichter nicht in den Economy-Hotels absteigen wie unsereiner. Irgendwie reisen sie ja an unserer Stelle, da verlangt man es fast, daß sie ein angemessenes Quartier finden.

Heute abend wollen wir in der Lobby einen Aperitif trinken und hoffen, daß die roten Felsen dazu recht ordentlich brennen. Immerhin haben sich die Wolken von gestern schon wieder fast verzogen.



Dienstag, 21. September 2010

La douceur de la vie




Ein französischer Adliger soll um das Jahr 1800 herum gesagt haben, nach der Revolution von 1789 sei die Süßigkeit des Lebens, la douceur de la vie für immer aus der Welt verschwunden. Man kann nicht sicher sein, ob das wahr ist, aber richtig ist wohl, daß es das Leid der neuen, der nachrevolutionären Zeit ist, immerfort den angenehmen Seiten des Lebens nachstreben zu müssen, sich dem pursuit of happiness hinzugeben, zu dem man ja befreit wurde, und nie sicher zu sein, ob der Weg je zum Ziel führen wird.

Einig sind sich die Menschen allerdings über den Ort, an dem das Leben, wenn überhaupt, noch süß sein kann: ein schattiger Platz an einem warmen, blauen Meer, an dem auch am Abend die Luft noch lau genug ist, damit man im Licht des Mondes draußen auf der Terrasse den funkelnden Wein in den Gläsern genießen kann.

Ein solcher Ort liegt naturgemäß zunächst einmal am Mittelmeer, Médi-Terranée, dem Gebiet in der Mitte zwischen den Extremen. Nur hier findet sich an einem warmen Sommertag die Kombination aus mildem Licht, schmeichelnder Luft und einem Duft von Meer, der mit einer angenehm frischen Brise vom Strand hinauf geweht kommt.

Ich darf diese Süßigkeit derzeit genießen. Aber es war nicht immer so, daß ich mich dem besonderen Lebensgefühl, das sich in dieser Umgebung einstellt, ohne Einschränkung hingeben konnte. Früher habe ich mich vor dem Übermaß an Sonne gefürchtet, das sich hier ja immer wieder einstellen kann. Mir erschien damals die Gefahr, sich gegen einen Kälteeinbruch oder einen Regenguß schützen zu müssen, ungleich leichter überwindbar zu sein, als die Gefahr sich gegen stechende Sonne, heißen Wind und aufwallenden Schweiß wappnen zu müssen. Meine Sinne waren offenbar so eingestellt und geeicht, daß ihnen die Verteidigung zum einen Extrem, der Kälte, hin sehr viel einfacher war als zum anderen, der Hitze.

Die kurzzeitige Begegnung mit der Hitze hat aber, wie ich mehr und mehr lerne, etwas sehr Angenehmes. Sie läßt sich durch einen Schritt in den Schatten, in den Wind, durch ein kühles Getränk beenden, während etwa das Leben unter einem über Tage andauernden Regen bestenfalls durch die heroische Erinnerung an den Segen, den der Niederschlag für die Landwirtschaft mit sich bringt, von den deprimierenden Folgen grauer Wolken und trüber Tage befreit werden kann.

So werde ich im Alter mehr und mehr zu einem Menschen der südlichen Sonne, wenn auch vornehmlich in ihrer spätsommerlichen, milden Form. Es lebe der warme Wind vom Hafen hinauf, das Rauschen der Palmen, das Murmeln der Brunnen auf Marmorgestein!


Die Fotos sind alle aus Ajaccio: oben das Haus, in dem der Maler Matisse eine längere Zeit gelebt hat, in der Mitte eine mit Bougainvilleen geschückte Villa in der rue Scamaroni und unten die Altstadt, in der Napoleon seine ersten Lebensjahre verbracht hat.



Montag, 20. September 2010

„Lange habe ich vor diesem Doppelporträt gestanden“






Unsere Reise folgt an einigen Stellen den Spuren des Schriftstellers W.G. Sebald, der einige kleine Berichte über Korsika in seinem Buch Campo Santo veröffentlicht hat. In seinem Nachlaß fanden sich weitere Stücke über unsere Insel, Sebald hatte ein ganzes Buch über Korsika geplant, dann aber mit Austerlitz begonnen, seinem letzten großen Werk, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebt hat.

Mittlerweile hat man die Korsika-Fragmente in einem schönen Band herausgegeben, es sind einige wunderbare Schilderungen darin, deren Bildern ich in den nächsten Tagen gerne noch weiter nachgehen möchte.

In Ajaccio schreibt Sebald eine kurze, aber sehr eindrückliche Passage über das Bild einer Frau und eines Kindes im Palais Fesch, aus dem ihn eine tiefe Traurigkeit anspricht. Lange habe ich vor diesem Doppelporträt gestanden und in ihm, wie ich damals glaubte, das ganze unergründliche Unglück des Lebens aufgehoben gesehen.

Ich habe Sebalds Eindrücke gestern nachzuempfinden versucht und bin mir sicher, daß er mit seiner Vermutung Recht hat, der Ehemann der Frau und Vater des Kindes sei im Felde, ja ich nehme sogar an, daß die Frau bereits Witwe ist und sich in ihrem schwarzen Kleid auch als solche zeigen will. Eine große dunkle Fläche rechts von ihrem Gesicht läßt das Bild in gewisser Weise leer erscheinen, aber gerade diese Fläche würde den Raum bieten für ein komplettes drittes Portrait, dasjenige des Mannes, und der leere Raum spricht gewissermaßen und drückt das Elend der Witwe und des Waisenkindes heraus.

Während die Mutter den Betrachter mit einem stillen und eher gleichmütigen Gesichtsausdruck anschaut, scheint das Kind in Aufruhr zu sein, in stummer Herausforderung, sagt Sebald. Er sieht getrocknete Tränen bei dem Kind, ich sah gestern mehr noch eine eigenartige Asymmetrie in seinem Gesicht, eine tiefe Unordnung, die es uns in dem Wissen entgegenhält, daß jede Hilfe, jeder freundliche Blick sinnlos ist.

Der Maler Pietro Paolini, der von 1603 bis 1681 in Lucca gelebt hat, muß eine besondere Tragödie aus der Nähe miterlebt haben, als er diese beiden Menschen malte. Und Sebald hat aus den vielen monumentalen Bildern der opulenten Sammlung des Napoleon-Onkels Fesch mit sicherem Blick diese Abbildung des Unglücks gefunden und ein Licht darauf geworfen.



Sonntag, 19. September 2010

Der kleine Korse




Die Fußgängerzone in Ajaccio ist mit Fahnenmasten geschmückt, an denen für das Museum Fesch geworben wird. Meist zeigen die Fahnen den jungen Kaiser Napoleon I., wie ihn der Maler François Gérard nach der Krönung in Notre Dame 1804 dargestellt hat. Napoleon war damals 35 Jahre alt.

Gérard hat die Jugend des Kaisers in keiner Weise verleugnet, er hat sie sogar hervorgehoben: ein noch unfertiges Gesicht mit eher weichen Zügen blickt uns an, und so sehr uns die Insignien seiner imperialen Macht – Krone, Hermelin, Zepter, Thron – beeindrucken, so unsicher hinterläßt uns das gesamte Bild in Bezug auf die Frage, was man von diesem Jüngling in späteren Zeiten erwarten darf.

Wer ist er? Er hat ein Gesicht, das in erstaunlicher Weise vielen Gesichtern von jungen Männern aus dem Mittelmeerraum ähnelt, die in Deutschland mit einem, wie wir heute sagen Migrationshintergrund leben. Er könnte mit seinen dunklen Augen und den etwas schweren Lidern ein Grieche sein, ein Spamier, auch ein Türke. Und er ist ja in der Tat ein Migrant gewesen, mit seiner italienisch-korsischen Herkunft, deutlich unterschieden von den eingeborenen, den gallischen Franzosen. Er sprach nicht einmal ihre Sprache korrekt, behielt zeitlebens einen italienischen Akzent.

Er hat eine große jugendliche Unbefangenheit. Und die ist auch heute noch vielen jungen Männern aus dem Mittelmeerraum zu eigen. Man weiß: er sieht Lösungen, wo das alte Europa noch in Problemen befangen ist, er riskiert etwas, wo die anderen ängstlich ihren alten Gewohnheiten folgen. Die schwere kaiserliche Kostümierung benötigt er eigentlich nicht. Er durchschaut sie als ein Spiel, in dem er selbst die Regeln vorgibt. Die Krone hat er sich selbst aufgesetzt, der Papst steht dabei und sieht mit saurem Magen, aber am Ende doch bewundernd zu.

Wir wissen, daß dieser ewig junge Mann immer wieder zu viel riskiert hat und am Ende das Spiel verliert. Aber wir leben bis heute von den Nebenwirkungen seiner Taten, von seinen Ideen, etwa was eine bessere Schulbildung, eine vernünftige öffentliche Verwaltung, eine neuzeitliche Fassung der gesetzlichen Verhältnisse untereinander betrifft.

Ob es auch in Zukunft junge Migrantenkinder gibt, die mit Napoleons jugendlichem Optimismus der alten Welt neuen Geist geben? Man wünschte es sich, aber denkt dabei: bitte ohne das militärische Drum und Dran, das doch immer wieder nur in Waterloo endet.



Samstag, 18. September 2010

Drei Chinesen auf dem Korsenpaß




Auf dem mühsamen Weg zum 1.711 m hohen Paß*, hinter dem der idyllische Bergsee „Lac de Melo“ die schroff gezackten Gipfel des Lombarduccio (2.261 m) und des Punta alle Porta (2.313 m) spiegelt, treffen wir drei chinesische Studenten, ein Mädchen und zwei Jungen. Mal laufen sie in ihren dünnen Turnschuhen vor uns her, mal hinter uns, immer leichtfüßig, ihnen scheinen die groben Steine auf dem Weg keine Probleme zu bereiten. Oben am See angekommen haben wir Zeit, miteinander zu reden, und sie tippen mir zum Abschied ihre Namen in mein iPhone und auch die Provinzen, aus denen sie kommen. Ich gebe die Namen hier leicht verändert wieder, weil ich nicht sicher weiß, ob alles, was sie uns erzählt haben in ihrer Heimat für politisch korrekt gehalten wird. Es sind Min Shien aus Shan Dong, Ye Mingau aus Zhe Jiang und die hübsche Yu Qangyi aus Hu Bei.


Foto von links: Ye Mingau, Yu Qangyi, Min Shien

Beim Rückweg treffen wir sie dann erneut am Parkplatz und laden sie ein, den von hier aus etwa 10 km langen Rückweg in die Stadt in unserem Auto mitzufahren.

Sie studieren in Corte, im zweiten Jahr, Management, und haben sich hier kennengelernt. Ihre Muttersprachen sind so unterschiedlich, daß jeder mit seinen Eltern telefonieren kann, ohne daß einer der anderen beiden etwas versteht. Untereinander sprechen sie „Chinese“, das ist – sagen sie mir auf meine Rückfrage hin – Mandarin. Shien hat auch Deutschland besucht, „I was in Cologne, and in the country of Max,” sagt er. Max? „Yes, a city called Tee, or so!“ Ich brauche lange, um herauszufinden, daß er in Trier war, bei Marx.

Den hat er, wie alle Chinesen, sagt Shien, in der Schule studiert. Ob seine Kinder ihn noch lesen werden? Vermutlich nein, sagt er. Und fehlen wird er den Kindern auch nicht, meint er. Aber zu seinem Leben und zu seiner Entwicklung gehört er nun einmal, dazu steht er.

Er und die anderen stehen auch zur staatlichen Geburtenpolitik. Alle drei sind Einzelkinder, den Eltern war nur je ein Kind erlaubt. Man selbst wird vielleicht später einmal zwei haben dürfen, als Einzelkind kann man dieses Privileg bekommen. Und eine ungewollte dritte Schwangerschaft? Shien kennt das englische Wort „abortion“ nicht, aber auf etwas in diese Richtung wird es wohl hinauslaufen.

Die drei werden Berufe ergreifen, in denen ihre Kenntnisse des europäischen Lebens und unserer Sprachen und Gewohnheiten eine Brückenfunktion bilden werden. Am Ende verpflichten wir uns lachend gegenseitig auf die Einhaltung des Friedens zwischen Ost und West. Ich sage offen, daß mir die martialischen Massenchoreographien bei er Eröffnung der Olympiade ein wenig Angst gemacht haben. Sie lachen – nein, „that is only show“.

Im warmen Schein der Abendsonne und im Frieden der Bergwelt will man es gerne glauben.

* ich gebrauche das Wort natürlich nur als Anklang an das bekannte Lied mit dem Kontrabaß, in Wirklichkeit ging es hinter dem Zwischengrat, an dem der See lag, noch weiter hoch, und es war, wenn überhaupt, nur ein Paß für Fußgänger.



Freitag, 17. September 2010

Begegnungen in Korsika




Der Wolf

Der große graue Leitwolf der Boule-Spieler unter den Platanen am Hafen in Macinaggio ist ein Einwohner der Stadt, kein Tourist. Auch seine fünf Mitspieler, wie die reizvolle Suzanne, die als „pointeur“ immer die erste Kugel für ihre Mannschaft wirft, sind alles Einheimische.

Suzanne kommt mit ihren Würfen oft so nahe an die kleine Zielkugel, das „cochonnette“, heran, daß die Männer der gegnerischen Mannschaft mehrere Kugeln benötigen um sie zu übertreffen, oder – was Aufgabe des Wolfes ist – sie mit einem gezielten Gewaltschuß von ihrem Ort zu entfernen.

Ein „tireur“ ist, wer das kann, und anders als der „pointeur“ kann er nur grandios gewinnen oder grandios verlieren. Meist geschieht dem Wolf letzteres, die Kugel setzt knapp vor dem Ziel auf und springt um Millimeter über die Kugel des Gegners, die eigentlich weggeschossen werden sollte. Der Wolf hat den richtigen Charakter, um über solche Niederlagen mit einer wegwerfenden Geste hinwegzukommen, und niemand wagt es, ihn wegen des erfolglosen Schusses zu tadeln. Wenn das „tire“ dagegen einmal gelingt, blickt er mit dem selbstbewußten Blick eines Mannes um sich, für den solche spektakulären Schüsse alltäglich sind, und sammelt den Beifall der Umstehenden ein, ohne ihn groß zu beachten

Später in der Bar sitzt er am Nebentisch und ich kann ihn in ein kurzes Gespräch verwickeln. Er hat zuvor die jungen Mädchen ausgiebig zur Begrüßung geküßt, wie es sich für einen alten Wolf gehört. Als er zum Abschied die Hand hebt und uns eine „bonne journée“ wünscht, weiß ich, daß ich ab jetzt unter dem Segen eines der wichigsten Männer der Stadt gehe.

Die Diwa

Auf dem letzten Anstieg zur obersten Terrasse der Wasserfälle von Vizzavona überholen wir ein Rentnerehepaar aus Toulouse, das einen winzigen Hund mit sich führt, den sie „Guido“ rufen, wenn ich das richtig verstehe. „Comme Westerwelle, notre Ministre d‘Exterieur?“ frage ich, aber ich werde aufgeklärt: „Diwo“ heißt er, und zwar wurde er so genannt, weil Frauchen eine Diwa war, die früher einmal an der Oper Toulouse sang.

„Beaucoup de Mozart“, sagt sie und singt uns hoch in den Bergen ein paar Takte aus der Zauberflöte vor. Wagner hat ihr nicht so gelegen, aber Bach umso mehr. Ja, auch Oratorien hat sie gesungen, und ihr Mann (der eine Kappe mit einem Nackenschutz aus Stoff trägt und damit wie ein Fremdenlegionär aussieht) hat im Chor gestanden dabei. Und sie singt uns den Anfang von „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ aus der Johannespassion vor, hoch in den Felsen am Monte d'Oro.

Übrigens kennt der Herr mit dem Nackenschutz den klassischen Witz vom Amerikaner nicht, der von Paris nach Toulouse will und am Schalter etwas bestellt, was sich nach tu-tu-tuluus anhört (two to Toulouse). Der Mann am Schalter antwortet bekanntlich täterätätä. Ich hatte angenommen, den Witz lernte man in Toulouse in der Schule.


Donnerstag, 16. September 2010

Rote Tücher






Auf einer breiten Kaskadenstufe in den Wasserfällen im unwegsamen Gelände weit oberhalb von Vizzavona erscheint plötzlich eine Gruppe junger Leute, darin ein Mädchen mit einem Kleid, das in der hellen Bergsonne orangerot leuchtet. Sie wirkt völlig deplaziert inmitten der professionell geschnürten Bergwanderer, die hier den berühmten und teilweise gefürchteten GR 20 entlanggehen. Sie ist in ihren dünnen Schuhen offenbar nicht über die mühsamen Weg der anderen gekommen, sondern wie ein Engel vom Himmel herabgestiegen. Einige glückliche Minuten lang ist sie mit ihrem wie Feuer leuchtenden Kleid der Mittelpunkt des ganzen Tals.

Aber ich wollte von Sarrazin erzählen, sein Buch habe ich am Flughafen erworben und habe etwa 60 Seiten darin gelesen. Es ist ein rotes Tuch einer anderen Art, ich habe es für Nureddin gekauft, meinen Freund und Seelenbruder, der es selbst nie lesen wird, sich aber sehr darüber grämt und in seinen jungen Jahren noch ganz grau in Gedanken darüber werden wird, was alles in und vor allen Dingen: hinter diesem Buch steht. Ihn tröste ich sogleich und sage ihm, daß Sarrazin ihn, Nureddin, sympathisch finden und ihm das Leben leichter machen würde, wäre er, Sarrazin, an der Macht.

So würde er etwa den Mann von der Gewerbeaufsicht, Nureddins ewige Nemesis, vermutlich umgehend von der Pflicht entbinden, Nureddins Geschäft – in Sarrazins Augen ein förderungswürdiges gesellschaftliches Leistungszentrum mit akademischer Qualifikation - mit immer neuen Auflagen zu erschweren. Sarrazin würde den Mann lieber Hartz-IV-Leute kontrollieren lassen, ob die das Geld, das sie zweckgebunden für den Flötenunterricht ihrer Kinder bekommen haben, nicht schon wieder für Alkohol ausgeben.

Nureddin mit seinen schulisch und akademisch erfolgreichen drei Söhnen ist für Sarrazin eine Schlüsselfigur für das Fortkommen Deutschlands, um das Sarrazin sich Sorge macht. In dieser Sorge trägt er so viele richtige und von niemandem bestreitbare Überlegungen zusammen, daß er schon im Vorwort selbst darüber nachdenkt, ob das Buch überhaupt Sinn macht. Tatsächlich kann man ihm an vielen Stellen kaum widersprechen, etwa wenn es um sinkende Geburtenraten, stagnierende Einkommen und trübe Aussichten geht, was die Konkurrenzfähigkeit des alten Deutschland, so wie es auf der Höhe des Nachkriegsbooms etwa 1960 einmal war, betrifft.

Sarrazin sorgt sich und träumt von einem Deutschland, in dem Nobelpreise in Serie hereingeholt werden, in dem international anerkannte Universitäten den technischen Fortschritt zu immer neuen Höhen treiben. Studenten müssen dafür her, möglichst viele, und möglichst viele in dem Mangelbereich „MINT“ (Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik), denn nur über diesem Bereich kommt ein erfolgreiches Volk voran. Goethe kann man nicht mehr verbessern, sagt Sarrazin, aber Ferdinand Porsches VW-Motor wohl.

Die MINT-Leute sitzen aber derzeit in China und Indien und werden von den US-Universitäten abgeworben, um das Problem auf eine einfache Formel zu bringen. In Deutschland kommen sie nicht an, deutsche Konkurrenten für sie wachsen nur unzureichend nach. Hier nun kommen langsam die Migranten ins Spiel. MINT-mäßig sind sie nicht durchweg schlechter als der nicht besonders gute alt-deutsche Nachwuchs, die Spanier und Griechen halten ganz wacker mit. Aber der Rest zieht statistisch gesehen das wenige, was an eigener Substanz da ist, nach unten.

Statistisch gesehen heißt bei Sarrazin oft: statisch gesehen. Die derzeitigen schlechten durchschnittlichen Schulabschlüsse bestimmter Migrantenkinder werden sich laut seinen Prognosen auch in Zukunft nicht ändern, mit den Türkenkindern und ihren Familien, um es kurz zu sagen, ist eben etwas nicht in Ordnung.

Er hat viele Daten für seine Thesen, und wenn er einmal keine hat, dann greift er zu Vermutungen, etwa: Kinder von Persern werden auf der Uni besser zurechtkommen als Kinder von Jemeniten, das leuchtet wohl jedem ein. Das macht klar: für Sarrazin geht der Weg zu einer besseren Zukunft nur über MINT und der Weg zu MINT nur über eine Anpassung an die vorherrschende Kultur, und genau das ist ein Prozeß, in der ein Perser eben weiter ist als ein Jemenit.

Ich glaube, daß hier ein Gesellschaftsbild vorherrscht, das von alten sozialistischen Anschauungen geprägt ist, Sarrazin gehört ja der SPD an, und nicht erst seit gestern. Ich übertreibe einmal so, wie Sarrazin es auch gerne tut, und sage, in Lenins berühmtem Konzept „Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ ist ebensowenig Glaube, Liebe und Hoffnung enthalten wie in Sarrazins MINT-Sozialismus. Es ist ein Gebilde ohne menschliche Wärme und ohne den Vorteilsfaktor dieser Wärme und Nähe, ohne deren grundlegende menschliche Sicherheit auch keine großen Entdeckungen entstehen.

Es gibt grundlegende Alternativen zu Sarrazins Technologie-Besessenheit, und ich denke mir: vielleicht wird es in 20 Jahren zu Sarrazins Verwunderung einen deutschen Jemeniten mit einem Nobelpreis geben, der im Schoße seiner altertümlichen Großfamilie gerade das an Kraft und Persönlichkeitsstärke gewonnen hat, was ihn zu einer dauerhaften Leistung auf hohem Niveau befähigt hat.

Ich denke weiter: vielleicht ist die Wärme der türkischstämmigen Großfamilien unter uns etwas, das unsere zunehmend erkaltende und vereinzelnde Gesellschaft mit neuer Liebe erfüllen kann, das ansteckend wirkt und das durch die kalten Wände zum Nachbarn hin abstrahlt. Vielleicht findet sich bei ihnen ein Mittel gegen das grassierende Scheitern unserer jungen Ehen, aus denen kaum MINT-fähige Kinder hervorgehen werden, die brauchen neben anderem ja auch ein sicheres Nest.

Vielleicht ist auch ihr Glaube Inspiration für uns, nun unsererseits den alten Christenglauben hervorzuholen, unsere Verdrängung des Todes zu überwinden und unser Leben auf ein Ziel in Gott und bei Gott auszurichten.

Ja, wir brauchen MINT-Studenten, da hat Sarrazin Recht. Aber wir brauchen auch warmherzige, lebensfrohe Menschen, die den MINT-Eliten helfen, nicht in gesellschaftlichen Kühlschränken zu erfrieren. Vielleicht ist das die Kraft der Zuwanderer aus Nahost, Afrika und sonstwo, deren Kinder derzeit in unseren Hauptschulen steckenbleiben. Zusammen mit uns alten Deutschen können sie eine Gesellschaft bauen, die beides kann, MINT fördern und den Nächsten lieben.



Mittwoch, 15. September 2010

Korsische Türme




Die Türme auf nördlichen Landzunge Korsikas, dem Cap Corse, sind sicherlich nicht als Wacht- und Kontrolltürme der Genuesen gebaut worden, von denen herunter man vorbeifahrende Schiffe beschießen und zur Abgabe von Zoll zwingen konnte. Dafür stehen sie oft zu weit von der Küste weg, etwa am Rand einer kleinen Ansiedlung, an einem Berghang weit vom Meer.

Sie erscheinen mir eher kleine Fluchtburgen zu sein, in Frühzeiten zum Schutz gegen die immer wieder hier auftauchenden Seeräuber, später als Rückzugspunkt in allerlei möglichen Fehden innerhalb des Landes. Die Herrschaft der Genuesen war lang, etwa 400 Jahre, aber nicht immer unangefochten. Leicht geriet man zwischen die Interessen ansässiger Adelsfamilien und genuesischer Gouverneure. Da war es gut, wenn man sich gelegentlich mitsamt Familie und Vorräten irgendwo in Sicherheit bringen konnte.

Ein einziger Turm macht allerdings eine Ausnahme: der Torra di Seneca, wie er korsisch heißt, hoch über der Paßstraße, die Santa Severa an der Ostküste mit Pino an der Westküste verbindet. Er steht in unwirtlicher Einsamkeit auf einen kahlem Felsen und ist ein Ort, von denen man auf Anhieb sagen kann, daß er für den großen Denker und Staatsmann, der hier acht Jahre leben mußte, eine angemessene Exilstätte gewesen sein könnte. Ich sagte schon, daß seine Anwesenheit in diesem Turm nur eine Legende ist, aber es ist eine schöne.

Als wir die Paßhöhe erreicht hatten, kam ein Gewitter auf, und Blitze umzuckten den erhabenen Felsen mit dem Turm über uns. Unten überschattete ein kleiner Pinienhain mit elegant geformten alten Bäumen wie sie ganz ähnlich auch an der Via Appia stehen könnten, einen Rastplatz, eine uralte Kirche stand daneben, die ebenfalls aus Rom übernommen sein könnte – ein perfekter Platz, um hoch darüber, oben zwischen Bergen und Himmel stoische Philosophie zu schreiben.

Das hat Seneca in dieser Zeit auch getan, eine Kirche hat er allerdings nicht gesehen, denn zu Beginn seiner Verbannung, im Jahr 41, war die christliche Religion gerade einmal wenige Jahre alt und noch nicht weit über die Grenzen Judäas verbreitet. Legenden wollen wissen, daß Seneca, der wie Jesus um das Jahr Null herum geboren wurde, später in Rom den Paulus getroffen hat und von ihm getauft worden ist. Aber es ist eher zu vermuten, daß Seneca im Gegenteil an der Ablehnung des Christentums durch die römische Staatsmacht mitgewirkt und geistig den Weg für den großen militärischen Schlag vorbereitet hat, der um das Jahr 70 gegen Jerusalem geführt wurde. Damals wurde der Tempel zerstört, und einiges spricht dafür, daß man damit dem Judentum und dem Christentum gemeinsam den Todesstoß versetzen wollte.

Gerne wüßte man sehr viel mehr über diese Zeit, in der nicht nur Seneca im Turm, sondern auch Paulus in einem römischen Gefängnis seine Gedanken niederschrieb. Die beiden hatten eine gemeinsame Sprache, aber was geschehen wäre, wenn sie sich tatsächlich getroffen hätten, ist schwer zu sagen.

Wir sind mittlerweile nach Corte ins Landesinnere weitergefahren und wollen heute unser erste Wanderung oberhalb der Baumgrenze beginnen - am Fuß des Monte d'Oro (2.234 m), um den sich der berühmte Fernwanderweg GR 20 windet.



Dienstag, 14. September 2010

Korsisches Grün





Weite Teile der Nordspitze unsere Insel sind mit Macchia überzogen, die von Weitem ein wenig öde wirkt, aus der Nähe betrachtet aber ein überraschend variantenreiches Gemisch aus den unterschiedlichsten Büschen und Bäumen aufweist. Schon die flache Vorform der Macchia, die Garrigue mit ihren nicht mehr als hüfthohen Kräutern, besitzt eine abwechslungsreiche Palette an Grüntönen, die sich aber von der eigentlichen Macchia, dem Maquis, wie die Franzosen sagen, durch die Höhe der dort wachsenden Bäume unterscheidet.

Wir können uns auf den kurvenreichen Fahrten über Land nicht satt sehen an dem silbernen Grün der Oliven, die hier manchmal dicht wie Hecken die Straßen säumen. Es wechselt sich mit den unterschiedlichsten Grüntönen der Kastanien, Eichen, Heide- und Wachholdersträucher ab, die hier offenbar von vergleichsweise häufigen Regenfällen üppig gedeihen.

Spuren des Regens oder der Schneeschmelze finden wir bei unserer ersten längeren Wanderung hinauf auf einen etwa 600m hohen Grat der Bergkette, die das Cap Corse durchzieht. Die Wege sind oft stark ausgewaschen und machen das Gehen schwer.

Auch den Erdbeerbaum entdecken wir, wenn auch mit etwas Nachhilfe durch Wikipedia. Seine an eine chinesische Lychee erinnernden Früchte sind eßbar, die Corsen ernten die reifen und dann leuchtend roten Früchte und brennen einen Schnaps daraus oder streichen die Marmelade der Arbouse aufs Brot.

Viele Geschichten ranken sich um die Macchia. Alle möglichen Gegner der Staatsgewalt fanden dort immer wieder ihr Versteck. Die Einheimischen, denen wir begegnen, sehen allerdings nicht so aus, als ob sie in der Lage wären, sich für längere Zeit in die Macchia zu verziehen, bis eine Blutrache oder ein Steuerdelikt in Vergessenheit geraten ist. Aber wenn sie Wege und Pfade dort kennen, dann verschluckt sie das Dickicht in dem Augenblick, in dem sie sich einen einzigen Meter von der Straße entfernen.



Montag, 13. September 2010

Rogliano / Korsika




Die früher einmal hier auf der Nordspitze der Insel herrschenden Genueser haben das Land mit einem Netz von kleinen runden Wachttürmen überzogen, die wie die Figuren eines Schachspiels in der Gegend herumstehen. Einer der Türme, den wir heute noch erwandern wollen, soll der Legende nach aus Römerzeiten stammen und dem Philosophen Seneca zwischen 41 und 49 n.Chr. während der Zeit seiner Verbannung durch den Kaiser Claudius als Wohnsitz gedient haben. Seneca wurde am Ende dieser Zeit wieder nach Rom beordert und zum Erzieher eines Stiefsohns des Claudius berufen – Nero. Dessen erste, von Seneca begleiteten und später von den Historikern wohlwollend beurteilten Regierungsjahre wurden also gewissermaßen auf Korsika vorbereitet. Die zunehmende Verfinsterung Neros änderte später alles und kostete bekanntlich ungezählten Menschen das Leben, auch seinem Lehrer Seneca.

Das alte Städtchen Rogliano wirkt teilweise verlassen, die Bewohner arbeiten möglicherweise in Lyon oder Mailand und nutzen ihre verschachtelt aneinander gebauten Häuser, die überwiegend nur über schmale Pfade und Treppen zu erreichen sind, wohl nur noch als Feriendomizile.

Über dem Ort steht die große Kirche zum heiligen Lamm, Sant Agnellu. Sie ist wie viele Kirchen im Mittelmeerraum bis auf die große Fassade äußerlich schmucklos. Die Fassade dagegen spricht von einer uneingeschränkten früheren Macht der Kirche. Heute sind die Zeichen des Zerfalls nicht zu übersehen. Aus dem Gesims über dem Portal der Kirche wachsen kleine Bäume, die niemand beseitigt.

Ähnlich sehen auch die Kirchen in den lateinamerikanischen Filmen aus. Ein wenig träumend auf dem großen Vorplatz vor Sant Agnellu stehend würde es mich nicht wundern, wenn gleich eine Prozession mit Indiojungen aus dem Fim "Missiones" erschiene und glockenhell „Jesu, meines Herzens Freude“ sänge.

In der Realität hörten wir am Sonntag durch die offenen Türen die Lieder der Gemeinde. Sie waren jugendlich und klangen ähnlich, wie sie auch "bei uns" (in meiner modern eingestellten evangelischen Freikirche) gesungen werden. Die Kirche wendet sich hinter imperialen Fassaden erneut dem Volk zu.



Sonntag, 12. September 2010

Macinaggio / Korsika




Ein kleiner Hafen, die gewundene Küstenstraße, an der entlang sich bunte Häuser reihen mit Restaurants und Läden im Erdgeschoß, ein grüner Streifen mittendrin mit einem Straßencafé, zwei Gläser mit Pastis*auf dem Tisch, ein milder Wind vom Meer – und die Augen eines hungrig auf sein Abendessen wartenden Reisen überziehen sich mit einem hauchdünnen milden Schleier, hinter dem alles Übel der Welt klein wird und die Lust zu leben sich erneuert.

Ach, Ihr frommen Christen, die ihr verächtlich auf diesen Schleier blickt, und ihr frommen Muslime, denen die Ausleger des Korans ihn gänzlich verboten haben: wißt ihr, was Euch entgeht?

An einer Stelle tritt die Häuserreihe etwas zurück und gibt zwei gestutzten Platanen mit mächtigen Stämmen Raum, in deren Schatten eine Gruppe von älteren Männern Boule spielt. Auch eine junge Frau gehört zu einer der beiden Dreiermannschaften, sie hat eine schöne männliche Art, die Kugeln am Ende einer Spielrunde zunächst mit einer achtlosen Geste mit ihren schlanken braunen Beinen wegzurollen, bevor sie sie mit einer schnellen Bewegung vom Boden aufnimmt.

Unser Hotel liegt in den Bergen oberhalb des Hafens und blickt auf die Buchten und Inseln herunter, ganz rechts kann man Elba sehen und in der Mitte die ebenfalls bewohnte italienische Insel Capraia, am Horizont flimmert die dünne blaue Linie des italienischen Festlandes.

Später dann leuchten über der stillen Nacht wunderbar die Sterne, am Morgen erscheinen im Südosten die Wintersternbilder Orion, Zwillinge und Siebengestirn, dann kräht ein einsamer Hahn, die Sonne geht auf und taucht alles in pures Gold.

*Anisschnaps, der beim Aufschütten mit Wasser und Eis eine gelb-milchige Farbe annimmt









Freitag, 10. September 2010

Moi, je suis Corse






Es ist fast fünfzig Jahre her, da nahm der Vater uns Kinder unweit der französisch-belgischen Grenze mit in ein Gasthaus, welches von einem korsischen Wirt geführt wurde. Wir waren auf der Rückfahrt von einem Bretagne-Urlaub und machten mit unserem Wohnwagen auf halbem Weg nach Hause Station. Ich erinnere mich noch an das gulasch-ähnliche Gericht, das man uns mit großen Worten als korsische Nationalspeise und damit als eins der vorzüglichsten Rezepte der ganzen Welt anpries, das sich dann aber als eine eher breiige Masse erwies, die durch ein Übermaß an schwarzen Oliven leicht bitter schmeckte. Das Ganze konnte außerdem nur sehr langsam gegessen werden, weil man die einzelnen Olivensteine mühsam abnagen und ausspucken mußte, für uns Kinder damals eine unverständlich unbequeme Art zu essen.

Der Wirt hatte beim Lob seines Gerichtes auch immer wieder auf seine eigene Abstammung von der Insel Korsika hingewiesen. Moi, je suis Corse! sagte er mit leuchtenden Augen, gerade so, als ob diese Tatsache eine der ebenfalls vorzüglichsten menschlichen Eigenschaften der Welt bezeichnete. Moi, je suis Corse! wurde dann das Lieblingswort meines Vaters, das er, der selbst ein Hobbykoch war, immer dann feierlich aussprach, wenn er etwas Gutes gekocht hatte und seinen Stolz darüber ausdrücken wollte. Er sagte es auch, wenn es ein rein deutsches Gericht war.

Moi, je suis Corse! wurde außerdem später das familieninterne Scheltwort, wenn es darum ging, ein Mitglied der Familie oder der näheren Verwandtschaft wegen seines übergroßen Selbstbewußtseins zu imitieren und damit zu tadeln. Es galt bei uns als unchristlich, die eigene Ehre zu suchen, und sei es die nationale. Zwar besaß mein Vater einen nicht unbeträchtlichen Nationalstolz, er wäre aber wohl nie auf die Idee gekommen, im Kreis von Menschen anderer Nationalitäten Ich bin Deutscher! zu sagen und wie selbstverständlich zu erwarten, daß alle anderen jetzt in Ehrfurcht verstummen.

Ab Samstag werden wir unseren Urlaub auf der Insel Korsika verbringen, welche von den Griechen Kalliste, die Schönste, genannt wurde. Mit Höhen bis zu 2.700 m ist sie ein Gebirge im Meer wie Maupassant gesagt hat. Vielleicht läßt sich dort Christianes Wunsch nach einem Urlaub am Meer und mein zeitlebens damit im Konflikt stehender Wunsch nach einem Urlaub in den Bergen endlich auf milde Art versöhnen.

Wie auch immer - ab morgen gilt für mich: Moi, je suis Corse!



Mittwoch, 8. September 2010

Hohe Feiertage




Der Monat Ramadan (in Israel: Elul*) endet heute, nachdem sich am Himmel der astronomischen Neumond vollzieht und früh am Abend die schmale Sichel des neuen Mondes erscheinen wird. Damit beginnt der Mondmonat Schawwal (in Israel: Tischri).

Morgen, am 1. Schawwal, ist bei den Muslimen Ramazan Bayramı, das Ramadanfest, das die Araber Idu l-Fitr nennen. Bei den Juden beginnt am selben Tag, am 1. Tischri mit Rosch ha-Schana das Neue Jahr und die "ernsten Tage" darin, mit Jom Kippur am 18. September. Die Muslime besuchen morgen Vormittag ihre Moschee und danach und am Tag darauf Verwandte und Freunde. Die Kinder bekommen in Nordrhein-Westfalen auf Antrag schulfrei.

Wer einen Moslem trifft, kann ihm ein gutes Ramadanfest wünschen, einen Juden erfreut man mit einem Wunsch zum Neuen Jahr.

Vermeiden sollte man das Wort "Zuckerfest", das ist die säkulare Variante, vergleichbar dem "Jahresendfest" in der DDR, mit Väterchen Frost statt Jesus. Ich habe noch nicht ganz herausgefunden, was schlimmer ist, einem Moslem zum Zuckerfest oder einem Christen zum Jahresendfest zu gratulieren. Vielleicht können sachkundige Muslime hier mal einen Kommentar schreiben.

*ändert sich von Jahr zu Jahr, weil die Juden Schaltmonate einfügen, um den Elul immer als einen Spätsommermonat zu halten, während die Muslime ihren Mondkalender unverändert lassen, wodurch er sich jährlich um etwa 10 Tage rückwärts verschiebt.