Montag, 27. Dezember 2010

Weihnachten mit einer neuen Bibel (III)






Fortsetzung und Schluß: Brian McLaren, A New Kind of Christianity


Hier nun eine vorsichtige Kritik.

Viele Leser werden schon auf der ersten Seite den Punkt erreichen, an dem sie entweder entschieden zustimmen oder heftig ablehnen. Es ist der Satz der christliche Glaube in all seinen Formen ist in Bedrängnis (the christian faith in all its forms is in trouble). Auch wenn gleich im nächsten Satz dagegengesetzt wird der christliche Glaube in all seinen Formen ist schwanger mit neuen Möglichkeiten, ist es diese erste, pessimistische Beurteilung, die man teilen muß, um mit Interesse weiterzulesen. Wer die gegenwärtigen Kirchen und Gemeinden gut versorgt und für die Zukunft gerüstet sieht, kann hier das Buch aus der Hand legen. Er wird für sich selbst nichts verpassen.

Wer dagegen die Sorgen McLarens teilt, entdeckt sehr bald eine Sammlung von alten und neuen Schätzen für eine Kirche von morgen. Dazu gehört etwa die Art und Weise, mit der McLaren die Bibel als ein Stück gute und frische Literatur liest und nicht als alte und starre constitution. Für mich ist es belebend, immer wieder die ursprüngliche Absicht jedes einzelnen Autors aus seinen Worten herauszulesen und sich davon berühren zu lassen. Auf diesem Weg erfährt man aus vielen Büchern der Bibel zunächst einmal die reine Geschichte des jüdischen Glaubens, ohne gleich immer die spätere Interpretation mithören zu müssen, die in der griechisch geprägten Geschichte des christlichen Denkens hinzugekommen ist.

Durch die Ausblendung der Kirchengeschichte mit ihrer Übernahme, Verarbeitung und Veränderung ursprünglich jüdischer Ideen ergibt sich allerdings ein blinder Fleck. Es entsteht der Eindruck, als sei die Geschichte Gottes mit seinem Volk bis in die Zeiten der Urgemeinde hinein sinnvoll und folgerichtig gewesen, die Geschichte der Kirche etwa ab dem Jahre 100 dagegen aber durch den grundlegenden Urirrtum verfälscht, der in der Adaption griechischer Philosophie bestand. Das, was McLaren eigentlich erreichen will, ein Verständnis für einen ursprünglichen, urwüchsigen Gott, der parallel zu seiner tödlichen Feindschaft gegenüber Israels Nachbarvölkern schließlich doch seine am Ende alle Völker umfassende Liebe entwickelt und dabei Irrtümer in Kauf nimmt, gilt nicht mehr für das Verständnis der mittelalterlichen Kirche mit ihrer nach Meinung McLarens platonischen Vision eines Himmels und einer Hölle.

So wird es in der Praxis sehr schwer sein, die alte, nicht erneuerte Kirche mit McLarens Gedanken zu versöhnen, weil deren jetzt von McLaren aufgedeckte Irrtümer durch kein Bild eines sich entwickelnden Gottes relativiert werden können. Der alte grausame Befehl die Philister auszurotten war notwendig, die neuzeitliche Buß- und Bekehrungspraxis angesichts einer falschen Vorstellung von Himmel und Hölle dagegen nicht, wenn man McLarens Gedankenfaden weiterspinnt.

Ich denke, daß an dieser Stelle sein Versöhnungswerk, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann, noch ergänzt und erweitert werden muß. Die Griechen, von Augustinus angefangen, dürfen nicht auf dem Abfallhaufen der Geschichte landen.

Dagegen muß eine andere Faszination, die von McLaren ausgeht, die leuchtende Darstellung des Reiches Gottes, des peaceable kingdom, als eines im Präsens möglichen Lebensraums nach meinem Geschmack vorerst noch ein wenig zurückgenommen werden. Es mag sein, daß Gott die Zukunft dieses Reiches auch in die Hände der daran mitwirkenden Menschen gelegt hat. Er will dieses Reich allmählich mit ihnen entwickeln und es nicht mit einem Paukenschlag am Ende der Zeiten anbrechen lassen, sagt McLaren mit Blick auf alttestamentliche Prophezeiungen. Aber wie es im einzelnen mit dieser Entwicklung sein wird, könnte sich als ein größeres Geheimnis erweisen als es der alle Geheimnisse lüftende Amerikaner McLaren annimmt.

In der praktischen Konsquenz heißt das, daß die Neue Kirche McLarens nicht automatisch so weit im linken politischen Spektrum angesiedelt werden muß, wie McLaren das durchgängig nahelegt. Solange das Reich Gottes noch nicht gesichert ist, kann man dem Bösen nicht unbewaffnet entgegentreten. Das grenzt etwa den Pazifismus McLarens entscheidend ein.

Auch seine Toleranz gegenüber abweichenden Spielarten der Sexualität – ein ganzes Kapitel widmet er diesem Thema – paßt nach meinem Eindruck erst in das endgültige Friedensreich, wo Wolf und Schaf beieinander weiden. Ich hatte beim Lesen einen Augenblick das Bild meiner fähnchenschwingenden Remscheider Baptistengemeinde vor mir, wie sie am Straßenrand steht und dem Umzug des Kölner Christopher Street Day zuwinkt. Ein unmöglicher Gedanke.

Wenn man das Buch gelesen hat, fragt man: was wird geschehen, was soll geschehen? Nach meinem Eindruck gibt es viele Pastoren, die sich brennend für McLarens Gedanken interessieren, das Internet gibt Zeugnis davon. Ich bin sicher, daß sie von McLaren und der ganzen Bewegung der Emerging Churches lernen und ihren Gemeinden einen Weg der Erneuerung, ins 21. Jahrhundert hinein, zeigen können. Aber sie müssen es in einer großen Verantwortung und Liebe allem Bestehenden gegenüber tun. Vermutlich wird es am besten sein, wenn sie sich Dritten gegenüber öffnen und ihre Erneuerungspläne mit unabhängigen Ratgebern besprechen.

Sie werden daran arbeiten müssen, Ordnung in die Vielfalt der Möglichkeiten zu bringen, die McLaren aufzeigt. Der Blick ins Internet zeigt derzeit noch einen Bauchladen von bunten Initaitiven, die eigentlich nur über das Wort von den Emerging Churches untereinander verbunden sind.

Mein Eindruck ist, daß nur eine starke, hierarchische Kirche die Kraft haben wird, den inneren Umbau zu einer veränderten, friedlichen und damit am Ende auch weniger hierarchischen Kirche zu schaffen. Das widerspricht sich auf den ersten Blick, aber auf den zweiten Blick könnte es vernünftig sein, den verwegenen Wunsch zu träumen, daß die alte katholische Kirche die Last aber auch die Chancen einer solchen Erneuerung als Vorreiter auf sich nehmen und auf diesem Weg uns allen ganz nebenbei wieder einen Platz in ihrem Schoß ermöglichen würde.





Sonntag, 26. Dezember 2010

Weihnachten mit einer neuen Bibel (II)




Fortsetzung: Brian McLaren, A New Kind of Christianity

Gestern hatte ich die ersten fünf Kapitel nacherzählt, heute mache ich mit den Kapiteln 5 - 10 Fortsetzung. Morgen will ich eine vorsichtige Kritik schreiben.


6. Wie soll die Kirche der Zukunft aussehen?

Die zentrale Aufgabe einer erneuerten Kirche besteht nach McLaren darin, Jesus-ähnliche Menschen heranzubilden. Sie sollen lieben wie Jesus, ihren Nächsten zum Segen sein wie Jesus, das Reich Gottes herbeisehnen, herbeipredigen und herbeileben wie Jesus. Das Motto dieser Kirche findet sich im großen Liebeskapitel des Apostels Paulus in 1. Korinther 13, wo von der Liebe geschrieben wird, die alles versteht und trägt . Sie ist unter dem, was uns an Fundamenten gegeben ist – Glaube, Liebe und Hoffnung – das Größte.

7. Praktische Fragen (I): Sexualität

Möglicherweise werden sich Leser, die eine beharrliche Verbundenheit zu den Kirchen der alten Form empfinden, am ehesten an diesem Kapitel stören. Wer wie McLaren das Liebesgebot auf die verschiedenen Spielarten der Sexualität anwendet, wird fast zwangsläufig zum Liberalen. Das kann nicht jedem gefallen, besonders dem nicht, der die vielfältigen Grenzen der Bibel kennt, die der Sexualität gesetzt sind.

McLaren liest die alte Prophezeiung aus Jesaja 56, wonach dem fremden aber gottesfürchtigen Verschnittenen im Tempel Yad va Schem gegeben werden soll, ein Erinnerungsort und ein Name, mit Blick auf sexuell von der Norm abweichende Menschen. Für sie ist im Reich Gottes jederzeit Platz. Einer der ersten Menschen, die von der christlichen Mission erreicht werden, der Jesaja lesende Eunuch-Kämmerer aus Äthiopien (Apostelgeschichte 8) ist für McLaren ein typischer sexuell von der Norm abweichender Mensch (und dazu noch dunkelhäutig!), und daß er so prominent erwähnt wird, ein Beweis der Hinwendung zu den von der Norm abweichenden Menschen.

Kritisiert wird die fundasexuality der alten Kirchen, die abweichendes Verhalten als gegen die Schöpfungsordnung gerichtet ablehnen. Für McLaren ist aber auch diese alte Ordnung der Welt einer Dynamik unterworfen, die in Richtung auf Befreiung / Exodus und Friedensreich Gottes hingeht.

8. Praktische Fragen (II): Zukunft

Wie manche Mitglieder der charismatischen Bewegung versteht McLaren den alten Begriff von der Parusie, der Wiederkunft Christi, als Präsenz. Er löst damit das alte Problem auf, das sich aus der nicht erfüllten Naherwartung der ersten Christen in Bezug auf die Wiederkunft Christi ergibt. Zwar ist Christus nicht sichtbar wiedergekommen, aber er ist gegenwärtig im Leben der Christen und besonders im Gottesdienst der Christen. Seine Gegenwart macht aus der Geschichte keinen linearen Lauf auf ein Ende hin, sondern einen zum Himmel hin offenen Weg, der wie ein Lied ist, dessen Töne mit Leidenschaft gesungen werden wollen, jeder einzelne für sich und ohne beständig an das Ende des Liedes zu denken.

In einem erneut sehr langen und sehr gut geschriebenen Absatz erläutert er dieses präsentische Verständnis an der Geschichte des Propheten Jona. Gegen die Dummheit und den Widerwillen des Propheten rettet Gott zunächst ihn und dann die große Stadt Ninive – und das große Thema, von dem die Geschichte handelt, besteht im Unvermögen Jonas, das bereits gegenwärtige Heil Gottes zu sehen.

Gott bringt zurecht, das ist sein Gericht, ein gutes Gericht, das heute geschehen kann, das aber eine griechisch beeinflußte Denkweise zu einem bösen Strafgericht am Ende der Zeiten gemacht hat.

9. Praktische Fragen (III): andere Religionen

Mein Vater war nicht nur ein Mann der Brethren wie McLaren, er war auch ein Allversöhner wie er (ich bin mir in diesem Thema nicht sicher, habe aber auch nie den Druck gespürt, mich hier entscheiden zu müssen). Das Verständnis von der schlußendlichen Rettung aller Menschen findet sich in einigen Stellen der Bibel, am prominentesten vielleicht im Christus-Hymnus in Philipper 2, wo vorhergesagt wird, daß eines Tages jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters – in einem freiwilligen und erlösenden Akt, wie mein Vater fest glaubte.

In einer Welt, in der die Angst vor einem Clash of Religions viele Menschen lähmt, ist die Botschaft von der universellen Gültigkeit der Liebe und Vergebung Gottes für alle Menschen natürlich eine große Befreiung. McLaren unterstreicht diese Botschaft, indem er das bekannte Ausschlußwort aus Johannes 14,6, Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich, neu und anders deutet. Jesus bleibt der Weg, sein Leben, Sterben und Auferstehen bleiben ewig gültig – aber eben für alle Menschen. Das macht eine erneuerte Kirche offen für eine große Brüderlichkeit mit anderen Glaubensrichtungen.

10. Praktische Fragen (III): was ist zu tun?

In einer überraschenden Wende stellt McLaren seine neuen Christen und ihren zukünftigen Weg unter ein fremdes Urteil. Er rät dazu, es wie der jüdische Priester Gamaliel zu machen, der mit der alten Garde seiner Kollegen die neue christliche Gemeinde um das Jahr 35 n. Chr. herum kritisch beäugte aber dazu riet, nichts gegen sie zu unternehmen. Ihr Lebensrecht würde sich von selbst erweisen: wäre es eine rein menschliche Bewegung, so würde sie im Sand verlaufen. Sei sie dagegen von Gott, dann sei sie nicht zu bremsen und jeder Widerstand wäre zwecklos.

So rät McLaren, sich letztlich auf Gott zu verlassen und es seine Sache sein zu lassen, sich in den erneuerten Christen als am Werk zu erweisen.

Anregungen und Vorbilder für eine neue Art von Frömmigkeit gibt es in der Kirche genug. McLaren nennt hier den Iren-Missionar St. Patrick, Franz von Assisi, Luther, Menno Simons und andere. Ihre Gedanken wirken bis heute nach und können auch heute noch neue Wirkungen zeitigen.

Was das Verhältnis zu den traditionellen Christen betrifft, so sieht McLaren sie auf einer früheren Entwicklungsstufe stehen. Da allerdings die ganze Geschichte Gottes und seiner Menschen eine Geschichte von Entwicklungen ist, hat auch die frühere Stufe ihr Recht. Sie muß sich nur als eine Stufe unter vielen erkennen und darf sich nicht verabsolutieren. Sünde ist nach McLaren die Weigerung, zu wachsen und sich zu entwickeln.

McLaren hat hier erneut simple, einleuchtende Vergleiche, an dieser Stelle das Bild einer Entwicklung in Farben, die am Ende den Regenbogen bzw. zusammengesetzt das weiße Licht bilden. Von der roten Startzone, in der es um das nackte Überleben geht, gelangt man über Orange (Sicherheit), Gelb (Macht) schließlich zum paradiesischen Violett, das für Frieden steht.

So entsteht am Ende ein optimistisches Bild einer freien und friedlichen Gemeinschaft. Es hat für mich den Schönheitsflecken, etwas zu weit links zu stehen, aber man kann sicherlich durch Abstriche an die allzu schnelle Naherwartung der vollkommenen Präsenz Gottes auch ein wenig Maß an das Ganze bringen und verhindern, erneut wie in den 60er Jahren Hippie-Kommunitäten von weltfremdem Grenzgängern zu bekommen.

Mir gefällt das reiche Ausschöpfen der Bibel in diesem Buch. Wer so in ihr lebt, wie es McLaren als Ideal verkündet, kann am Ende nicht in die Irre gehen.



Samstag, 25. Dezember 2010

Weihnachten mit einer neuen Bibel (I)




Brian McLaren, A New Kind of Christianity

In diesem Jahr hat mich Brian McLarens Buch während der Zeit vor Weihnachten beschäftigt und ist dann in den weihnachtlichen Gesprächen mit meinen Kindern, von denen einige es ebenfalls gerade lesen, ein wichtiges Thema gewesen. Hier zunächst unser traditionelles Weihnachstbild im Türrahmen:



Ich beschreibe im Folgenden in zwei Blog-Posts den Inhalt des Buches und versuche in einem dritten eine vorsichtige Kritik.

Beginnen will ich mit einem Lob: eine der vielen schönen Seiten des Buches ist seine gute, anschauliche Sprache und die klare Gliederung in zehn Kapitel mit sauber voneinander getrennten Themenbereichen. Ich will mich ebenfalls an diese Gliederung halten und kapitelweise nacherzählen.

Von Beginn an wird deutlich, warum hier von einem neuen Verständnis der Bibel und damit von einer neuen Christianity, einer neuen Christlichkeit, die Rede ist.

1. Welche Geschichte erzählt die Bibel?

McLarens Bibel ist eine jüdische. Er liest sie von Adam über Abraham, Mose und die Propheten vorwärts auf Jesus hin, nicht rückwärts über Luther, Thomas von Aquin, Augustinus und andere. Sie erzählt ihm die Geschichte von Elohim, dem Gott, der die Welt erschafft und dann seine Geschichte mit einzelnen Menschen beginnt. Er liebt die Veränderung und zeigt bereits im ersten großen Drama der Bibel, dem Sündenfall, daß auch er selbst eine eigene Entwicklungsgeschichte hat und deshalb änderbar ist, hier beim Sündenfall und an vielen anderen Stellen mehr aus Barmherzigkeit. Er verzichtet auf die angedrohte Todesstrafe für das Essen vom Baum der Erkenntnis und schenkt statt dessen den Sündern warme Kleider aus Fellen, von ihm selbst gefertigt.

Über Adam und Eva, Kain und Abel, Noah, den Turmbau zu Babel entwickelt sich eine Geschichte Gottes mit den Menschen, die voll von unerwarteter Barmherzigkeit Gottes und damit voll von überraschenden neuen Erkenntnissen seines Wesens ist. Zunehmend wird deutlich, daß Gott nicht der statische unbewegte Beweger alles Seins ist, den die griechischen Philosophen verehren.

Mein fundamentalistisch frommer Vater (in einer strengen Brüdergemeinde aufgewachsen wie McLaren auch) hatte nie Probleme damit, uns Kindern von den wechselhaften Entwicklungen des Wesens Gottes zu erzählen. So habe ich ebenfalls kein Problem damit, eine Biographie Gottes anzunehmen, wie sie auch Jack Miles in seinem bekannten Buch geschrieben hat, und lese die immer neuen Ausformungen seiner leidenschaftlich aufwallenden Barmherzigkeit mit Freude.

Für McLaren hat die geschichtliche Entwicklung Gottes und der Welt drei Dimensionen, nämlich diejenige der Schöpfung (entsprechend dem 1. Mosebuch, Genesis), die der Befreiung (entsprechend dem 2. Mosebuch, Exodus) und die der Hinführung zu einem Friedensreich Gottes (entsprechend den Propheten, Jesus eingeschlossen). Alle drei Dimensionen sind auch heute noch nicht abgeschlossen, Gott ist in allen Richtungen weiter am Werk und bezieht die Menschen in sein Werk mit ein.

2. Welche Autorität beansprucht die Bibel?

Im zweiten Kapitel wird die liberale Bibelforschung dafür kritisiert, daß sie sich über die Bibel stellt. Aber auch der konservative Ansatz, sich in Demut unter die Bibel zu stellen, wird kritisch geprüft und abgelehnt. An die Stelle beider Ansätze tritt ein Leben in der Bibel und ihrer über die Zeiten erwiesenen Weisheit, ihrer time-tested wisdom. Diese erkennt und gewinnt man, wenn man dem schönen bücherverliebten Ansatz folgt, den McLaren aus seinem Literaturstudium hinüber in die Theologie mitgenommen hat, die nicht sein erstes Fach ist. Für ihn ist die Bibel eine von Gott inspirierte Bücherei (library), insofern glaubt er an einen göttlichen Willen hinter der Bibel, aber sie ist keine von ihm in Stein gemeißelte Verfassung (constitution).

In seinem Verständnis wird menschliche Geschichte, wie sie sich in der Bibel ausbreitet, zu einem lebendigen Akt, an dem Gott und Menschen gemeinsam mitwirken. McLaren grenzt sie von der griechischen, deterministischen Geschichte ab und findet für diese das griffige Bild von der bereits auf Festplatte aufgezeichneten Handlung, die nur darauf wartet, abgespielt zu werden. So ist Geschichte eben nicht.

Auch dieser Ansatz ist mir lieb und vertraut, und mir gefallen die Stellen des Buches am besten, wo McLaren in langen ruhigen Absätzen Passagen der Bibel nacherzählt und erklärt. Das kommt für mich zu einem Höhepunkt, wenn er den Römerbrief erzählend neu interpretiert, ein Vorhaben, das er über 15 Seiten (S. 196 – 210) ausbreitet. Große Linien werden klar, Menschen werden zu lebendigen Akteuren einer Handlung, in der Gott zwar im Regimente sitzt, aber nicht immer das letzte Wort für sich beansprucht.

3. Von welchem Gott erzählt die Bibel?

McLaren nimmt die Geschichten der Bibel wörtlich und liest sie ganz. Deshalb übersieht er niemals die Nebenlinien, die zu den uns vertrauten Geschichten gehören, von uns aber gerne übersehen werden, sieht also etwa nicht nur Noah und seine Familie wunderbar gerettet in der Arche, sondern sieht auch den massenhaften Tod der anderen Menschen. Will Gott diesen Tod, will ihn derselbe Gott, von dem Paulus später sagt, er wolle, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen?

McLaren hat eine differenzierte, immer seine Liebe zu Gott wahrende Antwort: Gott offenbart sein zutiefst liebevolles Wesen in mehreren Stufen. Die Rettung der Familie Noahs in der Arche ist eine solche Stufe. Sie entwickelt sich weiter in der Rettung des jüdischen Volkes aus Ägypten, dessen Führer zunächst als hilfloses, zum Tode verurteiltes Baby ebenfalls in einer Art Arche aus dem Nil gerettet werden muß. Am Ende steht die Rettung der ganzen Welt.

Gottes eigene stufenweise Entwicklung bedeutet, daß er dafür zunächst als ein rächender Stammesgott in Erscheinung treten muß, der ganz offenbar keine Liebe für die Nachbarvölker Israels hat. Das darf man nicht einfach überlesen. Man muß aber auch nicht das Bild eines unwandelbaren Gottes über das Bild Gottes zwingen, wie es uns in der Bibel begegnet, und aus der heutigen Perspektive den Gott von damals ablehnen. Das wäre griechisches Denken mit seinem ewig gleichen Theos.

Gott ist auch in seinen Entwicklungsstufen ein souveräner Gott – aber ohne seine Veränderbarkeit wäre auch seine immer wieder heiß aufwallenden Emotionalität und damit seine Barmherzigkeit nicht zu verstehen.

4. Welches Bild von Jesus haben wir?

McLaren grenzt sein Jesus-Bild von dem oft gebrauchten Bild des mit großer Macht zur Erde zurückkommenden endzeitlichen Christus ab. Er weist in einer Betrachtung der Offenbarung nach, daß auch der siegreiche Jesus weiterhin das Lamm Gottes ist und bleibt. Auch im Kampf am Ende der Zeiten ist nichts von seiner Feindesliebe verloren, nichts von seiner Hinwendung zu den Schwachen, nichts von der Botschaft vom Kreuz, Torheit den einen aber Gotteskraft den anderen.

Die Gotteskraft erweist sich am Ende überlegen, aber sie verleugnet ihre Wurzel im Leiden und Sterben Jesu am Kreuz nicht. Sie ist – in dem Dreiklang, den wir schon von Gott gehört haben – schöpferisch, befreiend und führt hinein in das Friedensreich Gottes, the peaceable kingdom. Genesis, Exodus und die Lehre der Propheten von der Herrschaft Gottes erneuern und erfüllen sich in ihm.

In gewisser Weise kommt in Jesus die Entwicklung Gottes zu einem Höhepunkt und Abschluß. McLaren zitiert hier den Qaker-Theologen Trueblood, der radikal gelehrt hat, daß Jesus nicht wie Gott war, sondern Gott wie Jesus ist. In ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit (Kolosser 2,9).

5. Was ist die zentrale Botschaft des Evangeliums?

Johannes der Täufer und Jesus sind bekanntlich mit den gleichen Worten an die Öffentlichkeit getreten: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, tut Buße. McLaren weist nach, daß Jesus diese Botschaft durchgängig verkündet hat, ja daß auch seine Nachfolger wie Paulus davon durchdrungen sind. Eindrucksvoll legt er in einer langen Passage, ich erwähnte es bereits, den Römerbrief daraufhin aus und bringt die Kraft des vertrauenden Glaubens zur Geltung, der uns dieses Reich erschließt.

Die Nähe des Reiches Gottes spielt in der Frage nach der Gestalt der christlichen Kirche eine große Rolle. Die Kirche kann in der Hoffnung leben, dieses Reich nach und nach verwirklicht zu sehen, kann an seiner Entstehung mitwirken und von daher ein vergleichsweise linke Sozial- und Friedenspolitik zu machen. Davon später mehr.



Montag, 13. Dezember 2010

Bush über Bush*



Von einem liberalen Politiker des Kaiserreiches haben seine Kinder erzählt, er sei viele Stunden verstört in seinem Haus umher gegangen, nachdem er die Gedanken und Erinnerungen seines verhaßten Gegners Bismarck gelesen hatte. Ihm war darin ein neues Bild von Bismarck erschienen, und er war sich danach seiner alten Gegnerschaft nicht mehr sicher. Ob es den vielen Gegnern von George W. Bush so gehen wird, wenn sie dessen Buch Decision Points gelesen haben?

Es ist ein Buch, in dem viel gelacht und viel geweint wird. Bush hat eine gesunde Distanz zu seinen eigenen Fehlern und kann sich selbst mit viel Humor sehen. Er weint mit den Opfern der Kriege - 550 Familien von getöteten Soldaten trifft er persönlich - und läßt sich, von deren Beharrlichkeit tief ergriffen, darin bestätigen, daß er in Afghanistan und im Irak auf dem richtigen Weg ist.

Offenbar sind die Verhältnisse innerhalb der Großfamilie Bush so, daß es immer wieder Gelegenheit zu emotionalen Erschütterungen gibt. Nachdem Bush seine Entscheidung für den Einmarsch im Irak getroffen hat, erhält er einen kurzen Brief seines Vaters, der mit Worten von Bushs früh an Leukämie verstorbener jüngerer Schwester (Foto: Georg und Robin 1953) endet: Remember Robin's words: 'I love you more than words can tell'.

Ähnlich wie die Lebenserinnerungen von Bill Clinton ein sehr einnehmendes Bild seiner Person und seiner Präsidentschaft zeichnen, tritt dem Leser auch aus dem Buch von Georg Bush ein Mann entgegen, der es versteht, Sympathien zu gewinnen. Gleich der erste seiner 14 Decision Points, anhand derer er das Buch dramaturgisch sehr geschickt gliedert, offenbart eine entwaffnete Ehrlichkeit, die sich durch das ganze Buch zieht. Kannst du dich an den letzten Tag erinnern, an dem du nichts getrunken hast? fragt ihn seine Frau Laura auf der ersten Seite des Buches und hilft ihm dann auf sanfte Weise aus seinen Alkoholproblemen heraus.

Nach einer durchzechten Grillfete zur Feier seines 40. Geburtstages entscheidet er sich schließlich, nichts mehr zu trinken. Als er später im Buckingham Palace hinter einer Batterie feinster Kristallgläser einen (für ihn alkoholfreien) Toast zu Ehren der englischen Königin ausbringt, blickt er kurz zu Laura herüber und weiß, daß auch sie denkt: es war ein langer Weg von dieser Grillfete bis hier in diesen Palast, we've come a long way.

Den Hurrikan Katrina hat er, behindert durch regionale Gesetze, schlecht gemanagt, das gibt er zu. Daß man ihm aber daraus den Vorwurf macht, er kümmere sich nicht um die schwarzen Opfer in New Orleans und sei ein Rassist, das bezeichnet er in einem heftigen Gefühlsausbruch als worst moment, den schlimmsten Augenblick in seinen acht Jahren als Präsident. Der Rapper Kanye West, einer von denen, die diesen Vorwurf erhoben hatten, hat ihn unter dem Eindruck dieser Buchstelle vor wenigen Tagen zurückgezogen. Bushs Emotionalität kann man sich eben kaum entziehen.

Den Krieg gegen Saddam Hussein würde er wieder führen, wenn auch anders. Daß der Diktator Massenvernichtungswaffen hatte, habe damals buchstäblich jeder geglaubt, selbst die Mitglieder von Saddams Regierung, sagt Bush. Es bleibt ihm ein Rätsel, warum Saddam dem Druck der Vereinten Nationen, die Nichtexistenz dieser Waffen nachzuweisen, nicht nachgegeben hat.

Stolz ist Bush auf ein milliardenschweres Programm zur weltweiten Bekämpfung von AIDS und Malaria. Daß die Amerikaner sich in der Welt nicht nur durch die hard power ihres Militärs, sondern auch durch die soft power ihres humanitären Engagements Respekt verschaffen müssen, ist ihm bewußt. Auch im Inneren setzt er Programme durch, die man eher als "links" bezeichnen würde - Milde gegenüber illegalen Einwanderern aus Mexiko, eine große Gesundheitsreform (Medicaid), die in einigen Teilen als ein würdiger Vorläufer der Obama-Reformen angesehen werden kann.

Eine Reform des Rentensystems scheitert am Widerstand von rechts, genauso wie eine schärfere Kontrolle von Fannie Mae und Freddie Mac, Hauptakteuren in der Finanzkrise 2008, am Ende seiner Präsidentschaft. Bush hat diese Kontrolle nach eigenen Angaben bereits zu Beginn seiner Präsidentschaft 2001 vergeblich gefordert. Die Deregulierung der Finanzmärkte sei nicht seine Politik gewesen, sie sei durch wichtige, bereits in der Ära Clinton beschlossene Gesetze, schon vor seiner Amtszeit in Realität gewesen.

Niemand muß ihm diese und ähnliche Selbstrechtfertigungen glauben. Er sagt selbst am Ende des Buches, daß erst eine spätere Geschichtsschreibung über seine Präsidentschaft letztlich entscheiden werde und daß er das Urteil mit Gelassenheit erwarte - er sei dann ja auch mit Sicherheit nicht mehr unter den Lebenden, around to hear it.

Sein Geschichtsbewußtsein ist recht gut entwickelt. Immer wieder vergleicht er seine Entscheidungen mit denen der 42 Präsidenten vor ihm. Allein von Abraham Lincoln liest er während seiner Amtszeit 14 Biographien. Das törichte Bild der deutschen Presse vom halben Analphabeten im Weißen Haus war immer eine Lüge, monoton wiederholt wie von der Prawda.

Ich bin während des Lesens mehrfach gefragt worden, wer das Buch denn nun geschrieben habe. Aus den fast vier Seiten langen Acknowledgements** am Ende des Buches geht hervor, daß es eine ganze Firma gewesen sein muß. Rechtsanwälte, Archivare, Spezialisten für geheimdienstliche Klassifizierungen und viele andere mehr haben ihm geholfen, das Material zusammenzutragen und zu sichten. Sechs enge Mitarbeiter, darunter Condoleezza Rice und zwei seiner Stabschefs, haben das gesamte Manuskript Korrektur gelesen. Dafür daß es von Anfang bis Ende durchgängig eine einzige Handschrift, einen Bush-Originalton, hat, hat offenbar seine enge Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Redenschreiber Chris Michel gesorgt, den er in seiner Danksagung als ersten erwähnt.

Viele Helfer also - und trotzdem wäre dieses Buch nach meinem Eindruck auch dann in vollkommener Weise das Buch des realen George W. Bush, wenn das allermeiste daraus von Mitarbeitern formuliert oder sprachlich überarbeitet worden wäre. Bush macht immer wieder deutlich, daß er große Teams mit Geschick führen und dann für die Ergebnisse die Verantwortung übernehmen kann. Das gilt auch für sein Buch.

Ganz am Ende des Buches beginnt er sein Leben als Privatmann, indem er seinen Hund ausführt. Mit Entsetzen sieht er, daß dessen erste Amtshandlung in Freiheit die Verrichtung eines großen Geschäftes im Vorgarten des Nachbarn ist. Bush beeilt sich, mit einer Plastiktüte das Ergebnis zu beseitigen und sinniert dabei über die plötzlich eingetretene Veränderung in seinem Leben. Irgendwie scheint mir im Humor dieser kleinen Szene der ganze George W. Bush enthalten zu sein.

* Die New York Times hat unter dem 17.12.2010 eine ausführliche Besprechung ebenfalls unter dem Titel "Bush on Bush". Es sind auch einige ganz ähnliche Beobachten darin wie in meinem Blog. Das Ende ist allerdings auf eine eher dumme Weise zynisch.

**Bill Clinton hat sie in ähnlicher Form und gleicher Länge in seinen Memoiren.


Sonntag, 5. Dezember 2010

Im Schnee versunken




Eine per eMail gerettete Predigt

Das Bergische Land ist heute im Schnee versunken. Pastor Matthias Ekelmann, der im Gottedienst unserer Remscheider Baptistengemeinde predigen sollte, saß im 50 km entfernten Wiehl fest. So mußte seine Predigt heute vorgelesen werden, gut, daß es eMail gibt und die Predigt auf diesem Weg nach Remscheid transportiert werden konnte.

Gut auch, daß Matthias Ekelmann und unser Pastor Lothar Leese lebenslange Freunde sind. So konnte Lothar Leese die Predigt, wie er mir mailte, "wie meine eigene" vortragen. Hier ist sie.


Johannes der Täufer hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
(Matthäus 11, 2 - 6)


Unbequeme Wahrheiten
Johannes, genannt der Täufer, sitzt im Gefängnis. Er hat dem Regierungschef mit Namen Herodes zu deutlich gesagt, dass es nicht richtig ist, fremd zu gehen und die Ehe zu brechen und dann auch noch mit der Ehefrau des Bruders, also seiner Schwägerin. Die Wahrheit zu sagen war schon immer unbequem und gefährlich.

Unangepasstes Leben
Dieser Johannes ist eine faszinierende Figur. Er ist ein absolut unangepasster Mann, lebt in der Wüste, hat lange Haare, trägt einen Mantel aus Kamelhaar und isst das, was er in der Wüste so finden kann: Heuschrecken und wilden Honig. Für die meisten von uns unvorstellbar. Er verzichtet auf allen Luxus und interessiert sich nicht für ein 5-Gänge Menü.

Ungeschminkte Predigten
Er lebt nicht nur unangepasst, er predigt auch völlig ungeschminkt. Er spricht von Umkehr und Buße und vom Zorn Gottes, der die Menschen treffen würde, wenn sie sich nicht ändern. Er sagt nicht, was ankommt, sondern worauf es ankommt. Menschenfurcht ist für ihn ein Fremdwort. Die Oberfrommen seiner Zeit redet er nicht an mit „liebe Schwestern und Brüder“, sondern er beschimpft sie ziemlich derbe: „Ihr Otterngezücht, ihr Schlangenbrut, was denkt ihr eigentlich, wer ihr seid?“

Unzählige Zuhörer
Und trotz seiner provozierenden Predigten kommen die Leute in Scharen, um ihn zu hören. Viele von ihnen lassen sich taufen als Zeichen dafür, dass sie einen Neuanfang wagen wollen und um die Reinigung von ihren Sünden zu bitten. Das ist ja der Sinn der Taufe.

Mich erinnert das an den Chemnitzer Jugendpfarrer Theo Lehmann, der in der DDR-Zeit einmal im Monat sonntags Tausende junger Leute als Zuhörer hatte und kein Blatt vor den Mund nahm, über den Himmel genauso predigte wie über die Hölle.

Zurück zu Johannes: so wird uns berichtet, dass er sogar Jünger hat, Schüler, die mit ihm durch die Lande ziehen, und von ihm lernen.

Dieser so überzeugte und überzeugende Verkündiger sitzt nun im Gefängnis, weil er Tacheles geredet und sich positioniert hat. Weil er die Gebote Gottes ernst genommen und sie dem Herodes wie einen Spiegel vor Augen gehalten hat.

Ungeahnte Zweifel
Aber nun gerät er in eine Krise, in eine Glaubenskrise.
Er ist verunsichert. Er weiß nicht mehr so recht, ob die Sache mit Jesus stimmt.
Ob er sich wirklich auf die richtige Seite geschlagen hat.

Und deshalb fragt er: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Ich bin hin- und hergerissen.
Kennen wir das nicht auch manchmal: dass der Zweifel an uns nagt.
Ob das alles so seine Richtigkeit mit Jesus hat.

Das letzte, was Johannes in seinem Leben sagt, ist diese Frage.
Danach sagt er nichts mehr.
Wir wissen aus dem weiteren Verlauf, dass er wenig später auf unappetitliche Weise hingerichtet wird.
Er wird im wahrsten Sinne des Wortes einen Kopf kürzer gemacht und sein Kopf wird auf einer Schale der Schwägerin von Herodes gebracht, mit der dieser ein Verhältnis hat. So hat sich das deren Tochter gewünscht.
Pervers, würden wir heute sagen, so ein Verhalten. Stoff für einen Thriller.

Dietrich Bonhoeffer, der Pfarrer aus dem Widerstand, der wegen seiner Worte gegen Hitler im Gefängnis ist, erlebt die gleiche Anfechtung wie Johannes in seinem Gefängnis und auch das gleiche Schicksal, nämlich den Tod. „Verzweifeltes Fragen treibt mit mir Spott!“ schreibt der Gefangene Bonhoeffer.

Unvorstellbare Zweifel
Manche Ausleger sagen: Johannes und Zweifel, das passt nicht zusammen. Gerade weil Johannes so eine klare Verkündigung hat, weil er so eine aufrechte Persönlichkeit ist, ist es unvorstellbar, dass er zweifelt.
Dieser Johannes ist es doch, der ganz dicht dran war an Jesus, der ihn getauft hat und der gehört hat wie eine Stimme aus dem Himmel sagt: „Dies ist mein lieber Sohn, über den ich mich freue!“ Und hat er nicht selbst gesagt: „Ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes.“
Ganz starke Worte. Ein ganz klares Bekenntnis.

Ja, das gibt es, dass Christen, die innerlich einmal überzeugt waren von Jesus und vom Glauben, ins Schleudern geraten, aus der Bahn geworfen werden, nicht mehr glauben können.
Es gibt engagierte Mitarbeiter in unseren Gemeinden, die Kindern und Jugendlichen das Evangelium gesagt und auch beispielhaft vorgelebt haben, die schleichend oder auch über Nacht alles hingeschmissen und den Glauben an den Nagel gehängt haben.
Und die, die ihnen nahestanden, waren einfach nur traurig.
Auch der stärkste Glaube ist nicht vor Anfechtungen sicher.

Unterschiedliche Gründe
Die Gründe hierfür mögen vielfältig sein: Enttäuschung an der Gemeinde, eigenes Versagen, Lebenskrisen, unverständliche Erfahrungen von Leid etc.
Keiner von uns kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass er den Glauben bewahrt.
Es ist Gnade, wenn wir im Glauben durchhalten.

Unseriöse Frage
Übrigens, diese Frage „bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“, stellen wir uns auch im politischen Leben: wer kommt, um diese Welt friedlicher, gerechter und sicherer zu machen? Obama, war er es, auf den wir warten sollten oder sollen wir wieder auf einen anderen warten? Was hatten wir, vor allem die Amerikaner, nicht alles erhofft von diesem Mann. Und nun sind die Vorschusslorbeeren aufgebraucht, Enttäuschung macht sich breit. Er hat, nach Meinung vieler, nicht gehalten, was er versprochen und man sich von ihm versprochen hat.

Diese Frage stellen wir uns auch bei Pastorenberufungen: ist es der, den wir jetzt berufen haben, der die Gemeinde nach vorne bringt und für quantitatives und qualitatives Wachstum sorgt? Selbst bei Berufungen mit überwältigender Mehrheit kann nach kurzer Zeit bereits Ernüchterung eintreten: wir hatten uns mehr erhofft. Und ein neuer und nächster soll es richten.

Selbst in so banalen Zusammenhängen wie der Trainerfrage in einem Bundesligaverein spielt eine solche Frage eine Rolle: ist es der, den wir jetzt engagiert haben, der die Mannschaft aus dem Tabellenkeller wieder in das sichere Mittelfeld führt? Die Realität zeigt in vielen Fällen, dass die Retter in der Not auch nur mit Wasser kochen und bei Misserfolgen wieder ausgetauscht werden. Das Karussell dreht sich weiter.

Uneigennützige Frage
Zurück zu Johannes: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Diese Frage ist schon bemerkenswert. Johannes fragt nicht: Komm ich hier wieder raus? Wie lange muss ich hier sitzen? Jesus, du kannst doch nicht wollen, dass ich hier für den Rest meines Lebens abgestellt werde.
Johannes fragt nicht nach seinem Ergehen, nicht nach seiner eigenen Zukunft.
Er fragt nicht, was noch alles in seinem Leben kommt, sondern wer in sein Leben kommt.

„Bist du der Christus? Bist du es, den unsere Propheten uns vorhergesagt haben? Wenn ja, dann ist meine Unruhe besiegt. Dann ist alles gut. Dann war mein Leben nicht umsonst. Dann war es alle Opfer wert.“

Das Reich Gottes würde auch ohne ihn, Johannes, kommen und ohne ihn weiter gehen. Das Reich Gottes steht und fällt nicht mit seinem Einsatz. Johannes steht in einer Kette. Propheten vor ihm haben gepredigt, er hat in seine Zeit hinein ihre Botschaft fortgesetzt. Jesus und seine Jünger werden es weiterführen. Wenn er nur wüsste, wenn er es noch einmal bestätigt bekäme, was er eigentlich weiß, dass Jesus der ist, auf den er gewartet hat, dann wäre alles gut. Dann könnte er loslassen. Dann wüsste er, in welche Hände er alles loslässt.

Unbedingt fragen
Er macht das einzig Richtige, was er in einer solchen Situation machen kann. Er schickt sein Mitarbeiter-Team mit seinen Fragen zu Jesus.
Die Antwort von Jesus ist bemerkenswert. Er sagt nicht: „ Ja, ich bin es!“
Jesus sagt: „Seht, was ich tue. Hört euch um, was hier passiert. Sagt das dem Johannes: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.“

Johannes soll den Schluss daraus selber ziehen.
Jesus bestätigt Johannes, was dieser eigentlich selber schon weiß.
Aber vielleicht braucht er noch einmal Menschen, die es ihm bestätigen.
In der Seelsorge ist das manchmal so, dass der Seelsorger dem, der Hilfe sucht, gar nichts Neues sagt. Er sagt ihm das, was der andere eigentlich weiß, noch einmal zu.


Das Problem des Johannes ist auch unser Problem: dass uns die Sache mit Jesus, das Reich Gottes, so unscheinbar vorkommt, so wenig attraktiv, so wenig beeindruckend und Aufsehen erregend. Dass der Glaube so wenig auszurichten scheint, keine Welten bewegt.

Unbedingt hinsehen
Vielleicht würde Jesus heute auf diese Frage von Johannes „bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ so antworten:
Du erwartest Großes, Spektakuläres.
Guck mal genau hin, was da heute so alles geschieht.
Da werden Kranke in den Krankenhäusern von den sog. grünen Damen besucht; Sterbende in Hospizeinrichtungen begleitet; Augenkliniken in Afrika errichtet; Straßenkindern in den Großstädten dieser Welt geholfen; Schulen gebaut, damit durch Bildung Eigenverantwortung gestärkt wird; Kinderheime errichtet für Halbwaisen, deren Väter in Stammeskriegen ums Leben gekommen sind; sog. Tafeln angeboten für Menschen, die sich kein teures Essen leisten können; Alkoholabhängige in Gruppen wie dem Blauen Kreuz therapiert …
Diese Aufzählung ließe sich mühelos um das Zehnfache an Initiativen fortsetzen.

Guck mal genau hin. Lies mal die Veröffentlichungen der EBM und der Hans-Herter-Indienhilfe. Und der vielen anderen Hilfswerke. Hör dich um, und du wirst erstaunliches, atemberaubendes entdecken. Es ist alles da. Es geschieht um dich herum und in der ganzen Welt. Du musst nur genau hinsehen und genau hinhören. Informationen gibt es genug.

Es geht nicht um die vermeintlich großen Dinge, die vom Himmel fallen, um das Mirakelhafte und Spektakuläre. Es geht ganz schlicht um eine menschlichere Weise des Zusammenlebens.
Das Diakonische und Soziale ist es, worin sich die Werke Jesu finden lassen.
Da wo Christen im Namen Jesu anderen Menschen die Barmherzigkeit Gottes erweisen.

Nein, wir müssen nicht auf einen anderen warten.
Der damals vor 2000 Jahren kam, hat ein Feuer angezündet. Hat Menschen wohlgetan an Geist, Seele und Körper. Und wir tragen die Fackel der Liebe und Barmherzigkeit weiter.
Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes Nachfolger dieses Einen.

Und wenn uns je und dann Zweifel beschleichen, ob wir denn auf der richtigen Seite stehen und ob die Mühen und Opfer es wert sind, dann lasst uns mit offenen Augen und Ohren wahrnehmen, welche Spuren dieser Eine in der Geschichte dieser Welt und unseres Lebens hinterlassen hat.

Jesus hat gewusst, dass wir wankelmütig werden könnten und sagt vorsorglich: „Selig ist, der nicht an mir irre wird.“ So die wörtliche Übersetzung aus dem griechischen Urtext.

Deshalb: Lasst uns bei Jesus bleiben und es dem Teufel nicht gestatten, uns auch in den schwersten Anfechtungen von Jesus zu trennen.



Sonntag, 28. November 2010

Emerging Churches




Erster Versuch einer Annäherung

Nachdem ich vor etwa zwei Jahren den Koran mit den Augen der Liebe gelesen habe (damals mit den Augen meines Freundes Nureddin Öztaş) , möchte ich jetzt einen zweiten Versuch starten, auch die weltweite Bewegung mit den Augen der Liebe verstehen zu lernen, die sich hinter dem Wort Emerging Churches verbirgt. Diesmal sind es die Augen meiner Töchter Judith und Carolin und meines Schwiegersohnes Johannes, mit denen ich das sehen will, was mit diesem Wort zu tun hat. Sie interessieren sich schon seit längerer Zeit für Emerging Churches, lesen Bücher, besuchen Konferenzen und vieles mehr.

Meine erste Annäherung beginnt über die lateinische Sprache: Emergo heißt dort in der Grundbedeutung "ich tauche auf", auch das englische Wort emerge, das mehrere Bedeutungen haben kann, heißt zunächst einmal ebenfalls "auftauchen". Wenn sich verschiedene neue christliche Bewegungen mit diesem Wort identifizieren, dann wollen sie offenkundig einen eher fließenden Gegensatz zu dem bilden, was seit längerer Zeit festen, zu festen Bestand hat. Sie wollen das in Frage stellen, was vielleicht früher ebenfalls einmal frisch aufgetaucht ist, dann aber feste und harte Strukturen angenommen hat.

Mit den Augen der Liebe gesehen, steckt in dieser Bewegung eine Rückkehr zu den Quellen, also zur Urgemeinde, die ja ebenfalls fast wie aus dem Nichts aufgetaucht und zu einer großen verändernden Kraft in der Welt geworden ist. Christen haben sich immer wieder nach der Zeit geshnt, in der es in der Urgemeinde eine frische Dynamik gegeben hat, die dann später wieder verloren gegangen ist. Die ersten Christen standen nach den Berichten der Apostelgeschichte bei ihren Nachbarn in hohem Ansehen, pflegten ein sehr stark kommunitäres Leben, konnten teilweise auf übernatürliche Kräfte zurückgreifen und führten insgesamt ein Leben, das sie für Außenstehende sofort als geisterfüllte Christen kenntlich machte.

Einen Teil dieser Attraktivität der ersten Christen möchten auch die Menschen der Emerging Churches neu wiederbeleben. Für sie steht das verkrustete Wesen der über die Jahrhunderte entstandene Amtskirchen diesem aber entgegen. So lese ich es zumindest aus dem recht ausführlichen Wikipedia-Artikel (englisch, der deutsche Artikel ist kürzer und weniger informativ).

Es ist hier viel von soziologischen Fachbegriffen die Rede, die mich eher abschrecken. Dekonstruktion, kontextuelles Verständnis, narrative Interpretation - ich ärgere mich hier zunächst einmal über meine eigene Unbildung und scheue den langen Weg, den es mich kosten wird, sie zu beseitigen. Außerdem frage ich mich immer, ob nicht ein einfaches Wort aus der allgemeinen menschlichen Erfahrung ausreichen würde.

Das gilt etwa für das kontextuelle Verständnis. Wenn ich mich allerdings bemühe, den Begriff zu verstehen, dann eröffnet er eine interessante Perspektive. Es geht um das Verständnis eines Menschen, der neu zum Glauben kommt und als Kontext sein eigenes Leben mitbringt. Das Problem ist auch den "alten" Christen bekannt. Gerne gestehen sie dem neuen Gläubigen zu, daß er seinen Glauben im Kontext seines Berufes lebt und etwa ein bäuerlicher Christ wird oder ein akademischer. Eher zögerlicher sind sie, wenn er religiöse Vorprägungen mitbringt und etwa ein anglikanisch oder orthodox geprägter Christ bleibt, auch wenn die neue Kirche, zu der er sich hält, eher baptistisch und charismatisch geprägt ist. Ablehnend werden sie, wenn er aus dem blanken Heidentum kommt, aber alte Anschauungen - etwa die einer durch Geister belebten Natur - mit in seinem neuen Glauben übertragen will. Hier sind die Emerging Churches wohl offener und vertrauen der Kraft des Glaubens an Gott, daß er neue Formen eines "emerging faith" (ich weiß nicht, ob man das Wort benutzt) durch die Nähe zu Gott auf den richtigen Weg bringt.

In gewisser Weise ist der Weg über den Kontext ja tatsächlich der einzige Weg, einen modernen Menschen überhaupt für den Glauben zu gewinnen. Das sehen viele moderne Christen seit längerem ganz ähnlich. Dagegen ist der alte Weg der traditionellen Kirchen, den Menschen mit einer festen Dogmatik zu konfrontieren und ihm nur die Möglichkeit zu lassen, Ja oder Nein dazu zu sagen, in der Praxis immer wieder zum Scheitern verurteilt gewesen. Das muß man auch als Mitglied einer solchen alten Kirche selbstkritisch sagen. Ob man so weit gehen will, zu einer Dekonstruktion der alten Denksysteme zu kommen? Ich zögere etwas.

Ich möchte dies Zögern mit einem Eindruck verbinden, den ich beim erweiterten Googeln einiger der im Internet verwendeten Begriffe und Namen bekommen habe. Es ist der Eindruck, daß das Spektrum der unter dem Label Emerging Churches versammelten Menschen, um es vorsichtig zu sagen: ein wenig nach links tendiert. Das mag vielleicht daran liegen, dass die allererste Erwähnung des Wortes Emergent in dem englischen Buchtitel eines 1981 erschienenen Buch des deutschen Theologen Johann Baptist Metz vorkommt: "Emergent Church: Future of Christianity in a Postbourgeois World"

Der 1928 geborene Johann Baptist Metz ist ein katholischer Theologe und einer der wichtigsten Vertreter der Politischen Theologie. Leider habe ich nicht herausfinden können, wie das deutsche Original des obigen Buches heißt, aber sicherlich wird die Nähe einer Bewegung zu einer nach Meinung vieler Christen sich im linken politischen Geschäft verlierenden Theologie diese Bewegungen nicht für alle attraktiv machen.

Trotzdem könnte es sein, daß sie möglicherweise schärfer als andere die Probleme im Blick hat, die sich angesichts der vielen modernen Veränderungen auch für den Glauben stellen. Viele Christen spielen diese Probleme herunter und weisen darauf hin, daß das Evangelium einen ewige und universelle Gültigkeit hat. Das ist sicherlich richtig. Richtig ist aber auch, daß kluge und den Menschen zugewandte Prediger auch schon in früheren Zeiten einen Unterschied gemacht haben, ob sie z.B. zu einer bäuerlichen oder zu einer städtischen Gemeinde sprachen. Allein die Auswahl der Beispiele ist unterschiedlich, aber auch das Wissen um die speziellen Anfechtungen und Sünden der Gemeinde (laut Spurgeon eine der notwendigen Hauptkenntnisse jedes Predigers) wird jeden guten Seelsorger dazu bringen, auf den Kontext seiner Zuhörer einzugehen.

Vielen Kirchen wird in diesen Tagen recht schmerzhaft deutlich, daß ihre Botschaft nur noch von einem verschwindend geringen Prozent- oder gar Promillesatz der Menschen ihrer Umgebung gehört wird. Das kann dazu führen, dass man alte Gewissheiten dekonstruiert und neue Kontexte und neue Narrationen zur Kenntnis nimmt.

Ich will weiter lesen (Tochter Carolin hat mir das Buch A New Kind of Christianity von Brian McLaren empfohlen, ich hab es bestellt), freue mich aber natürlich auch über jede Erkenntnis, die mir ein persönlicher Kommentar hier im Blog vermitteln kann. Ich weiß, daß ich eine Reihe von Facebookfreunden habe, die sich schon länger als ich mit dem Phänomen der Emerging Churches beschäftigen. Schreibt mir was!

Ich verspreche jedenfalls, weiter zu forschen und von Zeit zu Zeit mehr darüber zu schreiben.



Sonntag, 21. November 2010

Gegen die Angst




Nach dem Brandanschlag vom 19. November auf die große Şehitlik-Moschee in Berlin bin ich über Facebook in ein Gespräch mit einem jungen deutschen Türken gekommen, einem strenggläubigen Moslem, der nach diesem Anschlag in der Angst lebt, daß wir jetzt vor einer Serie von ähnlichen Vorfällen stehen. Ich habe mich in unserem Facebook-Dialog dafür ausgesprochen, daß man eine solche Angst haben kann, sie aber nicht nach außen tragen sollte.

Hier im Blog kann ich etwas ausführlicher dazu schreiben und meinem Gesprächspartner zunächst einmal das Kompliment machen, daß gerade er, mit seiner akademischen Ausbildung und seinen sehr gewinnenden äußeren Umgangsformen, ein Mensch der Zukunft und ein besonderer Hoffnungsträger ist. An ihm kann man den vom Bundespräsidenten Wulff geäußerten Optimismus festmachen, daß der Islam auf ganz natürlichem Wege einen dauerhaften Beitrag zur deutschen Kultur liefern wird.

Ich mache ihm also Mut, ohne Angst öffentlich aufzutreten. Wer seine Angst öffentlich zeigt, verliert nach meinem Eindruck die Fähigkeit, in unserem Land dem notwendigen Optimismus den Weg zu bereiten. Es ist damit allerdings nichts gesagt über die reale Angst, die der junge Mann empfindet und die ich verstehe. Ich möchte mit ihm hier an dieser Stelle nur darüber reden, ob er sie nach außen zeigen soll oder nicht.

Ich habe in einer ersten spontanen Reaktion gesagt, er solle es wie ein Mensch machen, der Angst vor Hunden hat. Denen darf man diese Angst ja bekanntlich nicht zeigen, sonst werden sie aggressiv.

Später ist mir aufgefallen, wie ähnlich seine Angst vor dem Rassismus, wie er es ausdrückt, der anderen Angst ist, die spiegelbildlich in weiten Bevölkerungskreisen vor dem Islamismus herrscht. Wenn man beide Ängste parallel sieht, wird sofort deutlich, warum bestimmte Menschen diese beiden Ängste niemals zeigen sollten. Es sind die Menschen, welche die besondere Verpflichtung zu einer verantwortlichen und an der Zukunft unserer Gesellschaft orientierten Haltung übernehmen wollen. Aus dieser Haltung heraus sollten sie die Angst zu ihrer Privatsache machen und sollten statt dessen in der Öffentlichkeit mit ihrer gesamten Lebenshaltung ihr Vertrauen demonstrieren

Die Angst vor dem Rassismus vergrößert ja in dem Moment, wo man sie äußert, sprunghaft die Zahl der Verdächtigen. Wenn Wachsamkeit zum Gebot der Stunde wird, dann müssen alle Äußerungen der Menschen in meinem Umkreis besonders sorgfältig daraufhin untersucht werden, ob aus ihnen Rassismus spricht.

Die Menschen, hinter die hier ein Fragezeichen zu setzen ist, werden dann im nächsten Schritt in Sachen Rassismus von sich aus beweispflichtig. Was können sie anführen, um sich vom Vorwurf des Rassismus zu befreien? Diese Frage zu beantworten, ist aber für die Verdächtigen nicht immer erfüllbar. Es ist ja auch für Gutwillige nur ein kleiner Schritt, von der lieben Vertrautheit, mit der eigenen ethnischen Prägung geboren worden zu sein und es sich in einem Kreis von ähnlichen geprägten Menschen bequem gemacht zu haben, hin zur Erkenntnis zu gelangen, daß diese Prägung ein Vorteil sein könnte. Und dann ist es nicht mehr weit, den subjektiven Vorteil zu einer objektiven Überlegenheit zu machen. So steckt eine mögliche Wurzel für Rassismus in jedem von uns.

Nun bringen die Frage der Beweispflicht und die praktischen Schwierigkeiten, die notwendigen Beweise überhaupt erst zu erbringen, den, der Angst vor Rassismus hat, zwangsweise in die Situation, daß er sein Mißtrauen verstärken muß. Wem kann er überhaupt trauen? Gleichzeitig läßt die Beschäftigung mit dem aufgeworfenen Fragen im Fragenden selbst ein moralisches Überlegenheitsgefühl wachsen, das ihn schnell zu einer weithin gefürchteten moralischen Kontrollinstanz macht.

Wenn er dann nach einigen Jahren feststellen muß, daß es aufgrund rassistischer Vorfälle zwar eine Reihe von äußerst häßlichen Übergriffen gegeben hat, daß in der Folge aber der Schaden wesentlich geringer war als etwa der Schaden infolge Trunkenheit am Steuer oder infolge des allgemeinen Anstiegs der Kriminalität, wird er in der Regel keinen Weg mehr finden, um aus seiner mittlerweile festgefügten Rolle als Moralist wieder herauszukommen.

Die Folgen einer Angst vor dem Islamismus sind denen der Angst vor dem Rassismus sehr ähnlich. Auch die Angst vor dem Islamismus vergrößert sprunghaft die Zahl der Verdächtigen. Letztlich sind alle Muslime, auch die mir persönlich bekannten und offenkundig freundlichen und friedlichen, in ihrer Gesamtheit verdächtig. Sie müssen sich fragen lassen, ob sie sich nicht letztlich allesamt an feindselige Vorgaben halten müssen, die sie aus dem Koran beziehen.

Auch hier kann sich niemand wirksam gegen diesen Verdacht wehren. Es wird immer einen Islamexperten geben, der aus dem Koran oder den kulturellen Gegebenheiten der Muslime den Nachweis führen kann, daß in jedem Gläubigen ein Terrorist steckt.

In der Folge wird auch der Mensch, der vor dem Islamismus Angst hat, sein Mißtrauen verstärken müssen. Und auch er wird in seinem Herzen die eher angenehmen Folgen daraus spüren, die ihm in seiner näheren Umgebung den Ruf verschaffen, ein herausragender Moralist zu sein. So wird er sich dauerhaft in die Rolle als Mahner und Warner einrichten.

Beide Lebensformen der Angst sind mit meinem Ideal eines verantwortlichen und mutigen Lebens nicht vereinbar. Zu einem solche Leben sind alle diejenigen unter uns aufgerufen, die eine Vision haben, wie eine Gesellschaft der Zukunft aussehen könnte, in der soziale, religiöse und ethnische Unterschiede den Frieden und Wohlstand dieser Gesellschaft nicht stören sondern befördern.





Dienstag, 16. November 2010

Alter Mann, beschwerliche Reise




Über das neue Buch The Masque of Africa von V.S.Naipaul

Beim Lesen der Reiseberichte von V.S.Naipaul ist es mir immer so vorgekommen, als ob seine braune Hautfarbe in den Ländern Asiens und Südamerikas wie eine freie Eintrittskarte zur Welt der dort lebenden Menschen gewirkt haben muß. Man erzählt ihm, dem auf Trinidad geborenen Nachfahren indischer Einwanderer, immer sehr viel mehr als dem weißen Mann, der mit einem vorgeschobenen journalistischen oder wissenschaftlichem Interesse der Länder bereist und am Ende doch nur wieder erzählt, wieviel besser es bei ihm zu Hause zugeht. Schlüpft man dagegen als Leser in Naipauls Haut, hört man mit seinem Ohren und sieht mit seinen Augen, dann erfährt man, so mein ständiger Eindruck, unendlich viel mehr als jeder durchschnittliche Europäer jemals erfahren würde.

Eigenartigerweise scheint diese Eintrittskarte in Afrika ihre Gültigkeit verloren zu haben. Naipaul hat den Kontinent in den letzten Jahren bereist und hat jetzt, nachdem er 78 Jahre alt geworden ist, einen Bericht über insgesamt fünf afrikanische Länder als Buch veröffentlicht. Ich habe das Buch wie alle Bücher Naipauls gerne gelesen, habe aber zu keinem anderen Buch eine solche innere Distanz empfunden, die mich am Ende ein wenig unzufrieden hinterlassen hat. Auf meine Frage, ob the old magic still works, ist meine Antwort ein vorsichtiges Nein.

Es gibt verschiedene äußere Gründe, warum Naipaul es in Afrika sehr viel schwerer hat als auf seinen früheren Reisen in Asien, Südamerika und den USA. Ganz wichtig erscheint mir zu sein, daß er nach seinem Nobelpreis im Jahre 2001 nicht mehr unerkannt reisen kann Er erfährt im Gegenteil von den Offiziellen der Gastländer eine Sonderbehandlung, die ihn an jedem Ort, den er besucht, fast wie einen Staatsgast erscheinen läßt.

In Albert Schweitzers Lambarene fliegt er mit dem Hubschrauber ein und wundert sich nach der Landung, daß in ihm und um ihn herum nicht die Stille eintreten will, die er erwartet hat, um den Ort auf sich wirken zu lassen (expose myself to the genius of the place). In Ghana wird er von dem früheren Präsidenten Jerry Rawlings privat empfangen und bekommt von dem nach wie vor sehr zupackenden Gardesoldaten eine Serie von polternden Lebensweisheiten mitgeteilt. Der Präsident begleitet sie jeweils mit einem Schlag auf das Knie von Naipaul (den Rawlings jovial Chief nennt). Naipaul läßt das Ganze sichtlich irritiert über sich ergehen, beschreibt es recht lebendig, kann aber aus der Unterhaltung nichts destillieren, was das Buch in irgendeiner Weise voranbringt.

Naipauls Thema sind die alten afrikanischen Kulte. Beeindruckend ist, wie er immer wieder die Trennlinie zwischen diesen Kulten und der Welt der modernen Aufklärung zieht, zu der für ihn die Muslime und Christen gleichermaßen zählen, die pfingstlerischen Rock-and-Roll-Churches eingeschlossen, die hier wie überall in der Dritten Welt wie Pilze aus dem Boden schießen. Bei allen diesen nicht-afrikanischen Glaubensrichtungen beobachtet er allerdings eine deutliche Angst vor den alten Kulten und beschreibt, wie selbst angesehene Prediger der aufgeklärten Religionen offen oder heimlich für den Beistand aus dem Forest sorgen, der nach Naipauls Eindruck überall vorherrscht und durch christliche oder muslimische Glaubensformen nur dünn überdeckt ist.

Ein wenig behindert ist Naipaul auch durch sein Alter, immerhin ist er 76 Jahre alt, wenn er zu diesen Reisen aufbricht. In einer Szene muß er einen Besuch im Forest, bei dem eine echte Begegnung mit Geistern offenbar unmittelbar bevorsteht, aufgrund seiner körperlichen Schwäche abbrechen.

Überhaupt ist er bei vielen Besuchern seltsam ängstlich. Ein immer wiederkehrendes Thema ist das Geld, welches die Medizinmänner und Wunderheiler regelmäßig von ihm oder seinen Begleitern verlangen. Offenbar ist allen Beteiligten klar, daß der berühmte Mann ein weiteres Buch schreiben und viel Geld dafür bekommen wird. Warum nicht daran partizipieren? Naipaul reagiert mit der Wut, die jeder kennt, der einmal in einem Taxi der Dritten Welt ein paar Euros mehr bezahlt hat als ein Einheimischer. Er bricht manche Termine einfach ab, wenn auch nur aus der Ferne droht , daß man ihn über den Tisch ziehen könnte.

Die wichtigste Behinderung für Naipauls Genie erscheint mir allerdings darin zu bestehen, daß sich die Geisterwelt des afrikanischen Forest jeder Art von Sprache entzieht. Anders als in den Ländern der Muslime oder Buddhisten ist in Afrika eine sprachliche Auseinandersetzung mit den zu beobachtenden Phänomenen kaum möglich. Afrika bleibt ein großes und starkes aber letztlich nicht verstehbares Land, in dessen Geschichte die Anwesenheit des weißen Mannes, seiner Worte und seiner Ideen wohl nur eine kurze Phase darstellen wird.

In Südafrika, der letzten Station seiner Reise, beklagt Naipaul, daß er nichts findet, was der weiße Mann an literarisch Verwertbarem hinterlassen kann. An dieser Stelle wünschte man sich, er würde seinen südafrikanischen Kollegen J.M.Coetzee zumindest erwähnen, der im Jahre 2003, zwei Jahre nach Naipaul ebenfalls den Nobelpreis erhielt. Auch Coetzee kapituliert nach meinem Eindruck vor der Macht des Forest. Aber bei ihm ist diese Kapitulation wenigstens ein Anlaß für die literarische Aufarbeitung. Bei Naipaul bleibt es dagegen nur bei einer Kette von Erlebnissen, die sich am Ende nicht zu einem Gesamtbild fügen.

Eigenartig berührt ist man von Fehlern in dem Buch. Es gibt an wenigstens fünf Stellen störende Wiederholungen (etwa der Hinweis darauf, daß sein Begleiter Mr. Richmond dänische Vorfahren hat), die auf mich den Eindruck machen, als habe Naipaul beim Zusammenfügen verschiedener Manuskripte zu wenig Korrektur gelesen und danach den Lektoren verboten, irgendwelche Änderungen am Buch vorzunehmen. Aus seiner Biographie weiß man, daß er sehr ungern lektoriert wird.

Ein alter Mann begibt sich auf eine beschwerliche Reise, das muß man ihm hoch anrechnen. Was er von dieser Reise mitbringt ist immer noch um Welten besser als mancher andere Reisebericht. Aber es hat nicht die alte Klasse eines Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul.




Montag, 15. November 2010

Ein kleines, großes Lied




Ein Bericht der New York Times über das Konzert eines lettischen Chores brachte mich auf die Spur des Liedes Put vejini, das der Chor im Lincoln Center als Zugabe gegeben hatte. Bei YouTube fand ich das Lied in einer Aufnahme vom lettischen Singfest 2008. Mit den blondgezopften Mädchen und ihren Blumenkränzen in den Haaren ist es auch für die Augen schön.



Das Lied ist eigentlich eher schlicht:

Wehe Windchen, treib das Schifflein, treibe mich nach Kurland hin.

Ihre Tochter, flink beim Mahlstein, bot die Kurländerin mir.

Bot sie wohl, doch gab sie mir nicht, schalt, ich sei ein Zecherbursch.

Schalt mich einen Zecherburschen,der sein Ross zuschanden ritt.

Welchen Krug hab ich geleeret, wessen Ross fiel unter mir?

Hab für eig'nes Geld getrunken, hab mein eignes Ross gejagt.

Wehe Windchen, treib das Schifflein, treibe mich nach Kurland hin.

Put, vejini, dzen laivinu, Aizdzen mani Kurzeme.
Kurzemniece man solija Sav' meitinu malejin’.
Solit sola, bet nedeva, Teic man’ lielu dzerajin'.
Teic man’ lielu dzerajinu, Kumelina skrejejin’.
Kuru krogu es izdzeru, Kam noskreju kumelin'?
Pats par savu naudu dzeru, Pats skrej' savu kumelin’
Put vejini, dzen laivinu Aizdzen mani Kurzeme.

Es wurde zu einem nationalen Symbol, nachdem die Russen den Letten nach 1945 das Singen der Nationalhymne verboten hatten, und die Letten Put vejini zur heimlichen Hymne erhoben.



Sonntag, 14. November 2010

Eine Predigt zu Römer 8




Die nachfolgende Predigt habe ich am heutigen Sonntag in der Gemeinde Bonn (EFG, Baptisten) gehalten und möchte hier für alle, die mehr über die Quellen meiner Auslegung erfahren wollen, einige Hinweise weitergeben.

Ein Freund hat mich vor etwa drei Jahren auf die Reihe "Paulus neu gelesen" des Frankfurter Theologen Norbert Baumert aufmerksam gemacht. Baumert hat seit etwa 1990 mit seinen Doktoranden, dem "Frankfurter Pauluskreis", alle 13 dem Paulus zugeschriebenen Briefe in einer sehr intensiven Feinarbeit durchgelesen, hat sie Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe neu ins Deutsche übertragen und im Ergebnis zunächst von allen Briefen eine neue Arbeitsübersetzung hergestellt.

Seit 2006 ist Baumert dann hergegangen und hat zunächst den 1. Korintherbrief vollständig kommentiert (in dem Buch "Sorgen des Seelsorgers"), dann den 2. Korintherbrief ("Mit dem Rücken zur Wand") und als drittes dann Galater und Philipper ("Der Weg des Trauens"). Der Kommentar zum Römerbrief soll 2011 folgen - so Gott will, muß man sagen, denn der Verfasser wird im Jahr darauf 80 Jahre alt.

Das Konzept Baumert ist es, die Briefe aus ihrer jeweiligen Situation zu verstehen. Dabei hat sich sein Pauluskreis oft als sehr kreativ erwiesen, was das Verständnis für die fast 2000 Jahre zurückliegenden Geschehnisse in der alten Welt betraf. Liest man Paulus als den sorgenden Seelsorger, der bereit ist, jedem einzelnen Mitglied seiner damals noch eher kleinen Gemeinden nachzugehen, dann entsteht das Bild eines von Herzen liebenden Hirten und nicht das eines großen Kirchenlehrers, der mit donnernder Stimme letztgültige Anordnungen zur Gestaltung des Gottesdienstes, der Rolle der Frauen etc. trifft.

Zwar bleibt der Charakter der Letztgültigkeit, aber sie wird anders, feiner gesehen und jederzeit von des Apostels menschliche Wärme und Hingabe an seine jungen Christen getragen.

Hier nun mein Versuch, den Abschnitt Römer 8,Verse 18 bis 23 ein wenig in das Licht Baumerts zu bringen, ohne seine Römerauslegung zu kennen. Übrigens ist Baumert katholisch und gehört der charismatischen Bewegung an.



1. Einleitung

Ein Bibelabschnitt aus dem Brief des Paulus an die Römer soll heute im Zentrum unseres Gottesdienstes stehen. Er wird heute gleichzeitig in vielen anderen Kirchen unseres Landes gelesen und bedacht. Er ist ein Teil des Predigtplans mit der Perikope des jeweiligen Sonntags, an den sich viele Gemeinden halten, und es ist besonders für Laienprediger wie mich eine gute Sitte, sich ebenfalls an diesen Plan zu halten. Man muß sich mit neuen Dingen beschäftigen, nicht nur mit seinen Lieblingsthemen.

So habe ich, als ich vor einigen Monaten für diesen heutigen Sonntag bestimmt wurde, die Perikope nachgesehen und den Abschnitt aus Römer 8 gefunden und nachgelesen. Ich habe das mit ein wenig Herzklopfen getan, denn ich habe vor dem Römerbrief einen großen Respekt. Der Römerbrief hat ja an den Knotenpunkten der christlichen Geschichte immer wieder eine entscheidende Rolle gespielt, bei der Reformation Martin Luthers, bei der englischen Erweckungsgeschichte um den Methodisten John Wesley, beim Neuanfang der deutschen Kirchen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und Karl Barth, dem späteren Bonner Professor. Immer wenn man die Notwendigkeit einer Veränderung der Kirche spürt, forscht man gerne in diesem Brief und sucht darin Rat. So ist er im Laufe der Zeit ein besonders herausragender Brief für die Christen geworden.

Auch ganz persönlich kann man im Römerbrief nach Rat und nach Erneuerung suchen. Viele von Ihnen werden es getan. Sie werden dabei entdeckt haben, daß man sich in diesem Brief wie in einem Gebirge großer Gedanken wiederfindet. Man kann sich leicht darin verirren, so ist es mir jedenfalls oft ergangen.

Trotzdem will ich mich also gemeinsam mit ihnen in dieses Gebirge wagen! Ich habe mich bemüht, einen einfachen Weg zu finden und möchte ihn in drei Abschnitte aufteilen. Der erste beginnt mit einem Blick auf eines der schönsten und lebendigsten Bilder der ganzen Bibel, das Bild von der sehnsüchtig harrenden Schöpfung.

18 Denn ich denke, daß die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der zukünftigen Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
19 Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Got-tes.
20 Denn die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen worden - nicht freiwillig, sondern durch den, der sie unterworfen hat - auf Hoffnung hin,
21 daß auch selbst die Schöpfung von der Knechtschaft der Vergänglichkeit frei gemacht werden wird zur Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes.
22 Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung zusammen seufzt und zusammen in Geburts-wehen liegt bis jetzt.
23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst und erwarten die Sohnschaft; die Erlösung unseres Leibes.


2. Erster Wegabschnitt

Man darf das zentrale Wort Schöpfung, das hier gebraucht wird, allumfassend verstehen. Nicht nur die Menschen warten sehnsüchtig, auch die Tiere im Wald und die Bäume und die Blumen. Alles, was lebt, hat eine Ahnung davon, daß es ein zwangsläufiges Ende haben muß mit seinem Leben, und es stemmt sich mit seiner ganzen Lebenskraft gegen dieses Ende und gegen den Verfall. Der Baum trotzt Jahre und Jahrzehnte dem Wind, das Tier richtet sein ganzes Leben so ein, daß es den Verfolgern entkommt, die Blume nutzt jeden Tropfen Wasser und jede Minute Sonnenschein, um ihre Schönheit zu erhalten, aber am Ende fällt der Baum und stirbt das Tier und verwelkt die Blume.

Paulus gibt allen Kreaturen eine Persönlichkeit (ich weiß nicht, ob es eine andere Stelle in der Bibel gibt, die das in gleicher Weise tut), und er sagt: alle Kreaturen schauen zu uns Menschen herüber und fragen uns, wann denn nun endlich die Zeit der Erlösung gekommen ist, die Zeit der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, wie Paulus es ausdrückt.

Welcher Art ist diese Freiheit? Es ist das Ende der Vergänglichkeit. Paulus sagt, das Ende der Knechtschaft der Vergänglichkeit. Die Herrlichkeit besteht also aus der Unvergänglichkeit. Darauf wartet die gesamte Schöpfung. Und Paulus sagt: auch wir warten sehnsüchtig, und das ganz unabhängig von den vielen hoffnungsvollen Dingen, von denen vorher im Brief die Rede war. Selbst die schönsten Gaben Gottes helfen uns letztlich nicht gegen unsere Sehnsucht auf Unvergänglichkeit. Sie ist die letzte Gabe, und wir besitzen sie noch nicht. Und so wünschen wir uns zusammen mit aller Kreatur, daß wir von der Sklaverei befreit werden, die uns unerbittlich mit jedem Vorrücken der Uhr einen Teil unseres Lebens abschneidet.

Ich denke, an diesem Bild können wir zunächst einmal alle stehen bleiben und sagen: ja es ist so. Wir alle seufzen, wir leiden, vermutlich unterschiedlich, jeder auf seine Weise. Wir leiden an der Vergänglichkeit unseres Körpers und unseres Lebens. Ich als 61jähriger empfinde das viel stärker als ein zehnjähriges Kind. Aber ich weiß noch, auch damals in meiner Kinderzeit habe ich etwa das näherrückende Ende der Schulferien wie einen dunklen Bann über meinem Leben empfunden, fast wie einen Fluch. Und meine Sehnsucht war es, eine Welt zu haben, in der nicht immer alles aufhört, wenn es am schönsten ist.

Auch das Leiden an manchem Elend in der Schöpfung um uns herum gehört in diese Sehn-sucht mit hinein. Wir werden nicht gerne daran erinnert, daß allein im jetzt zu Ende gehen-den Jahrzehnt in zwei großen Katastrophen, dem Tsunami von Weihnachten 2004 und dem Erdbeben in Haiti vom 12. Januar diesen Jahres etwa 500.000 Menschen teilweise qualvoll ums Leben gekommen sind. Das hat manchem den einfachen Glauben an eine Welt, in der Gott alles so herrlich regieret, wie wir es in einem schönen Lied singen, erschüttert, mir ehrlich gesagt auch. Es hat auf jeden Fall bei allen, die nachdenken, diese Sehnsucht neu angefacht, von der Paulus spricht, die Sehnsucht nach einer Welt, in der es kein Ende mehr gibt und in der deshalb solche Qual nicht mehr sein muß.

Deshalb meine ich, daß wir uns um dieses Wort sammeln können - mit durchaus unter-schiedlichen Gefühlen – aber trotzdem zunächst einmal sagen können, daß wir ihm zu-stimmen, ja, daß es in unserem Herz etwas aufweckt, das uns bereit macht, weiteres aus dem Brief des Paulus zu hören.

3. Zweiter Wegabschnitt

Damit komme ich zu meinem zweiten Wegabschnitt. Ich will hier fragen, warum uns Paulus auf dieses sehnsüchtige Warten aufmerksam macht. Dazu muß man das lesen, was er den Römern in den vorangegangenen Abschnitten gesagt hat. Ich lese zunächst die unmittelbar vorangehenden Verse:

15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater!
16 Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, daß wir Kinder Gottes sind.
17 Wenn aber Kinder, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.

Es ist nicht leicht, den Weg mit wenigen Worten zusammenzufassen, den Paulus über die ersten acht Kapitel geht. Ich sagte schon, es ist ein Gebirge von Gedanken. Zu sehen ist aber, daß er mit diesem achten Kapitel zu einem Abschluß kommt, um dann im neunten Kapitel ein neues Thema – Israel – zu beginnen.

Was ist dieser Abschluß? Nun, wir lesen etwas von der großen Herrlichkeit am Ende der Zeiten, in der wir mit hineingenommen werden in den Reichtum Gottes. Erben Gottes! Das ist ein großes, erhabenes Wort, das man getrennt von den anderen Worten nicht einmal leicht aussprechen kann. Und vor dem Hintergrund dieser Herrlichkeit sind die Leiden der Gegenwart erträglich, ja fast ein Nichts.

Dies erscheint mir die zentrale Botschaft des Paulus zu sein. Und bei dieser letzten Aussage könnte Paulus es auch fast bewenden lassen, wenn er in seinen Briefen nur einem einzigen roten Faden folgen würde. Ich gestehe, daß ich bei der Vorbereitung diesen roten Faden gesucht habe, daß ich ihn aber immer wieder aus den Augen verloren habe. Das kann einem ja bei den Paulusbriefen leicht so gehen, und manchmal legt man sie sogar mit der etwas hochmütigen Einschätzung zur Seite, daß der gute Apostel bisweilen ein etwas sprunghafter und unsystematischer Kopf war.

Vielleicht kann ich an dieser Stelle etwas Allgemeines zu der Art und Weise sagen, wie wir die Briefe des Paulus lesen. Man kann sich sehr leicht zu einem falschen Urteil verleiten lassen, weil man allgemein an die Paulusbriefe den hohen Anspruch erhebt, daß sie große, weltbewegende Anordnungen eines großen Denkers der Christenheit sind. Das ist zwar sicherlich richtig, und man darf sie, man muß sie vielleicht sogar so verstehen, nachdem sie 2000 Jahre lang ja tatsächlich auch so gelesen wurden und in ihrer Wirkung immer noch nicht am Ende sind.

Aber man darf sie gelegentlich auch einmal als die vergleichsweise kleinen Briefe an eine kleine Empfängerschar lesen, die sie ursprünglich einmal gewesen sind. Es ist denkbar, einiges weist darauf hin, daß die Gemeinden, die den jeweiligen Brief lasen, anfangs nur aus einigen wenigen Leuten bestanden haben, Hausgemeinden und Stubenversammlungen, die noch keine großen Häuser füllen konnten. Wenn man sie als solche Empfänger vor Augen hat, dann spricht ein anderer Paulus zu uns als der Weltphilosoph mit Jahrtausendwirkung. Es spricht ein um eine kleine Gemeinde besorgter Seelsorger, der die Situation, in der sich die Menschen dieser Gemeinde befinden, sehr genau kennt.

Und deshalb verläßt er jetzt also an dieser Stelle in Vers 17 den roten Faden von der Herr-lichkeit der freien Kindschaft und Gotteserbschaft und beginnt einen Seitenfaden.

Er baut etwas ein, was zunächst einmal wie eine Bedingung klingt: alles, was ich gesagt habe, gilt nur, wenn ihr Römer in ähnlicher Weise wie Jesus zu leiden bereit seid.

17 Wenn aber Kinder, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.

Wenn man das als ein Wort des Seelsorgers in eine konkrete Situation hinein liest, dann kann man fast das wenn weglassen, denn es steht aller Wahrscheinlichkeit nach fest, daß dieses Leiden den Römern unmittelbar bevorsteht, ja vielleicht sogar schon begonnen hat.

Paulus lebt, während er dies schreibt, bereits in den Zeiten, in denen sich die Christenver-folgungen unter Nero (die beginnen im Jahre 64, aber es hat bereits in den 40er Jahren Verfolgungen unter Claudius gegeben) ankündigen oder bereits im Gang sind. Und es wäre für einen Seelsorger vollkommen undenkbar, die große und erhabene Lehre von der Freiheit der Christen nicht auch mit einem realistischen Ausblick auf ihr bedrohtes Leben zu verbinden.

Paulus sagt den Römern nun also, daß die realen Leiden, die sich am Horizont ankündigen, die vielleicht sogar schon an die Tür klopfen, nichts sind im Vergleich mit der Herrlichkeit, die am Ende der Zeiten auf uns warten wird.

Wir heutige dürfen dabeistehen und zusehen, mit welcher Liebe ein praktischer Seelsorger seiner Gemeinde in einer Notsituation beisteht. Und für uns gewinnt dann das Bild vom sehnsüchtigen Warten der Kreatur eine neue Qualität. Es dient nämlich jetzt als eine Art Beweis dafür, daß es kein leeres Versprechen ist, wenn Paulus angesichts der sich gegenwärtig auftürmenden Not auf die zukünftige Herrlichkeit verweist.

Daß dieser Verweis einer Vertröstung sein könnte, das haben natürlich auch die Römer schon gewußt und gefürchtet. Sie mußten nicht auf Karl Marx warten, der den christlichen Glauben ja ganz allgemein vorgeworfen hat, er vertröste auf das Jenseits statt im Diesseits etwas zu ändern. Nein, unser Zweifel braucht nicht durch Karl Marx angefacht zu werden, er ist bereits so vorhanden. Und deshalb sucht Paulus eine Antwort auf ihre Bedenken und Zweifel.

Er findet diese Antwort und sagt: unsere Sehnsucht weist uns den Weg aus unseren Zwei-feln heraus. Unsere Sehnsucht beweist am Ende, daß unser Leben auf Gott und seine Ewigkeit hinausläuft. Die Sehnsucht nach Unvergänglichkeit kann nicht ins Leere gehen. Sie spricht aus den Herzen unzähliger Menschen - und Paulus sagt: auch aus der Seele der sprachlosen Kreatur - sie ist einer der stärksten Hinweise auf die Existenz Gottes, die wir kennen.

So sind wir also nicht nur gerufen, uns um ein schönes, eindrucksvolles Bild zu scharen, wir sollen vielmehr hinter diesem Bild spüren, wie es uns mit Macht zur Realität Gottes hin zieht.

4. Dritter Wegabschnitt

Hier will ich zum letzten Wegabschnitt kommen und einen roten Faden in unserem Abschnitt des Römerbriefes aufzeigen. Ich meine, daß der eigentliche rote Faden sich ganz am Ende zeigt, wo es heißt:

38 Denn ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Dieser Satz ist einer der ermutigendsten Sätze der Bibel, und er hat Generation von Men-schen im Glauben gestärkt, besonders in dem Glauben, den wir alle eines Tages brauchen werden, wenn wir die letzten Schritte unseres Lebensweges gehen müssen. Es ist die Bot-schaft einer grenzenlosen Gewißheit, daß zwischen uns und Gott keine Macht der Welt auch nur eine Handbreit Platz erzwingen kann. Darf man annehmen, daß Paulus, der Seelsorger, seine gesamte Argumentation der ersten Kapitel auf diesen letzten Satz ausgerichtet hat? Ich meine: man kann!

Hören wir noch einmal genau hin: was ist es, von dem nichts uns trennen kann? Ist es die Macht Gottes, seine Weisheit oder Gerechtigkeit oder Gegenwart? Nein dieser Abschnitt spricht am Ende zentral von der Liebe Gottes. Auf sie läuft am Ende alles hinaus. Sie hält die Welt in ihrem Bestand zusammen, sie ist der Urgrund unserer Existenz, zu ihr kehren wir eines Tages zurück.

5. Schluß

Ich fasse zusammen: damit das Wort von der unendlichen Liebe in den Herzen der Römer fest wird, geht Paulus den Weg über das Bild vom sehnsüchtigen Warten der Schöpfung. Die Herrlichkeit der Gotteskinder, auf welche die Schöpfung wartet, lohnt das Leiden der Gegenwart. Die Sehnsucht ist ein Beleg dafür, daß diese Herrlichkeit keine Vertröstung ist. Und die Liebe Gottes ist die letzte Garantie dafür.

Paulus will die bedrängten römischen Christen in dem Glauben bestärken, daß es die Liebe Gottes ist, die uns am Ende erwartet, und von der wir zu keiner Sekunde unseres Lebens auch nur einen Millimeter getrennt sind. Die Möglichkeit einer solchen Trennung steht den Römern sehr viel deutlicher vor Augen als uns. Wir wissen wenig davon, wie eine funda-mentale äußere Bedrohung aussehen könnte.

Aber auch wir fürchten uns vor einer Bedrohung unserer Existenz. Jeder hat einen Begriff von dieser Angst, hat ein Wort dafür, vielleicht ein einziges, böses Wort. Und wir dürfen dieses Wort einsetzen in die Verse 38 und 39 und sagen: auch dies kann uns nicht trennen von der Liebe Gottes.

Hier schließt unser Weg durch den Römerbrief ab, und er schließt sich mit dem Weg der Römer zusammen. Sie haben es bereits erfahren, daß nichts von der Liebe Gottes trennt, uns steht die Erfahrung noch bevor. Es wird eine gute Erfahrung werden.

Wenn wir gleich eine Zeit der Gebetsstille haben, dann soll Gelegenheit dazu sein, dieses eine Wort für die bedrohliche Sache zu denken, die uns ganz persönlich von Gott trennen könnte. Und dann wollen wir mit dem Vaterunser abschließen, und wenn wir sagen, dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, dann wollen wir an seine Macht denken und glauben, daß er uns bei sich behalten will, für alle Zeiten.

Amen.


Lieber Vater im Himmel,

keine Macht der Welt kann uns von Deiner Liebe trennen. Viele von den ersten Christen im Rom, denen dieses Wort als ersten galt, haben das in ihren Hoffnungen und Zweifeln gehört und haben sich fest machen lassen, in dem Sturm, der über sie hereinbrach. Sie haben dem Sturm widerstanden und sind mit ihrem Mut und ihrer Standhaftigkeit ein Zeugnis geworden, das die Kirche groß gemacht hat.

Auch wir stehen vor Stürmen in unserem Leben, viele von uns können sie benennen, sehen sie auf sich zu kommen oder stehen bereits mittendrin. Du hörst die Worte, die jetzt in unseren Herzen ausgesprochen werden, unhörbar für die anderen, aber hörbar für Dich.

Wir wollen Dir jetzt sagen, daß wir Dir vertrauen, uns durch die Stürme des Lebens zu tragen und uns fest an der Hand zu halten. Wir sind gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn und deshalb sagen wir gemeinsam Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit, in Ewigkeit.

Amen.

Montag, 1. November 2010

Der Weg nach Friedenberg




Heute habe ich einen Vorsatz vom vergangenen Sommer wahrgemacht. Ich wollte kreuz und quer durch das Landschaftsbild wandern, das mein Vetter Christopher Lehmpfuhl in der Nähe von Wermelskirchen gemalt hat und das mittlerweile in meinem Wohnzimmer hängt. Es zeigt das bewaldete Tal der Dhünn und die runden Hügel in der Nähe des Dorfes Bockhacken südlich des Baches. Das Bild ist an vielen Stellen trotz seines dicken Farbauftrages wundersam detailgenau, so daß man Wege, Wiesenstücke und einzelne Häuser ohne Probleme in der Natur wiederfinden kann (hier ein Foto von Böschung, Hecke und Wiese am linken Rand des Gemäldes).

Auf dem höchsten Punkt des Bildes angekommen, dem runden Hügel im rechten Hintergrund fand ich zu meiner Überraschung ein Hinweisschild zur Hofschaft Friedenberg, einer kleinen Ansiedlung, die in der Geschichte meiner väterlichen Familie in der Zeit des zweiten Weltkrieges eine wichtige Rolle gespielt hat. Mein Großvater Adolf Runkel hatte sich dort in den 30er Jahren eine kleine Blockhütte als Wochenendhaus errichtet und konnte sie 1943 nach der Bombardierung von Remscheid, in der des Großvaters Haus zerstört wurde, lange Zeit als Notunterkunft nutzen. Viele Geschichten meiner Familie spielen im Umkreis dieser Hütte, und ich freue mich, daß Christophers Bild mich jetzt indirekt auch an diesen Ort erinnert, der besonders für meine Großmutter ein wirklicher Friedensort gewesen sein muß.


Überraschend treffen wir auf dem runden Hügel, einer Anhöhe mit Funkmasten, meinen Vetter Paul Gerhard Runkel, der mit seiner Familie auf dem Weg nach Friedenberg ist. Auch sein Großvater Paul Runkel hatte hier ein kleines Häuschen, ebenso wie der dritte Bruder Gustav, und alle drei Häuser stehen, teilweise an- oder umgebaut und lange schon in fremden Besitz, noch heute. Wir müssen uns mit etwas Gewalt voneinander verabschieden, weil der Strom der gemeinsamen Familiengeschichten an diesem Ort kaum zu unterbrechen ist.


Meine Großmutter hat den Enkeln immer wieder von wundersamen Erfahrungen in der Notzeit erzählt. Für mich als Kind war der Gipfel aller Wunder die Geschichte von den Schuhsohlen meines Großvaters. Er sei häufig zwischen Friedenberg und dem etwa 15 km entfernten Remscheid zu Fuß hin und her gegangen (für uns Kinder schon Wunder genug), ohne daß jemals in der Folge auch nur ein Millimeter seiner Schuhsohle verschlissen gewesen sei. Leder für neue Schuhsohlen war damals kaum aufzutreiben, so daß die Großmutter dieses Wunder sehr viel höher veranschlagte als etwa die wundersame Vermehrung der Lebensmittelvorräte, zu welcher der überaus hilfsbereite Bauer Felder, dessen Enkel Matthias heute den Hof in Friedenberg bewirtschaftet, immer wieder seinen Beitrag leistete.





Sonntag, 10. Oktober 2010

Ein Quiz aus der New York Times




13 Fragen aus der gestrigen New York Times (mit Auflösungen unten), die zum Teil überraschende Antworten haben und am Ende ganz von selbst zur religiösen Toleranz auffordern. Die Übersetzung ist zu 90% von Google und zu 10% von mir.

Ich habe nur sechs Fragen richtig beantwortet. Wer macht es besser?


1. Welches heilige Buch schreibt vor, daß ein Mädchen, das in der Hochzeitsnacht nicht blutet, zu Tode gesteinigt werden sollte?
a. Koran
b. Altes Testament
c. (Hindu) Upanischaden

2. Welche heiligen Text erklärt: "Es soll keinen Zwang geben in der Religion"?
a. Koran
b. Matthäus-Evangelium
c. Brief des Paulus an die Römer

3. Die Terroristen, die als erstes in der Neuzeit die Selbstmord-Weste und den Einsatz von Frauen für Terroranschläge einführten, gehörten welcher großen Religion an?
a. Islam
b. Christentum
c. Hinduismus

4. "Jedes Kind wird vom Teufel berührt, sobald es geboren ist, und dieser Kontakt läßt es weinen. Ausgenommen sind Maria und ihr Sohn." Dieser Vers aus ist:
a. Briefe des Paulus an die Korinther
b. Das Buch der Offenbarung
c. Eine islamische Hadith oder religiösen Geschichte

5. Welche heiligen Texte sympathisieren mit der Sklaverei?
a. Altes Testament
b. Neues Testament
c. Koran

6. Im Neuen Testament sind Jesu Ansichten zur Homosexualität:
a. stark verurteilend
b. vergebend
c. nie erwähnt

7. Welcher heilige Text fordert dazu auf, das Böse mit Güte zu beantworten und sagt: "vertreibe die böse Tat mit einer, die besser ist."
a. Lukas-Evangelium
b. Buch Jesaja
c. Koran

8. Welche religiösen Figur predigt Toleranz indem sie darauf hindeutet, daß Gott nach allen Völkern sieht und sie alle zu ihren verheißenen Ländern führt?
a. Muhammad
b. Amos
c. Jesus

9. Welcher von diesen religiösen Führern war ein Polygamist?
a. Jakob
b. König David
c. Mohammed

10. Was kennzeichnet Mohammeds Verhalten gegenüber den Juden seiner Zeit?
a. Er hat sie getötet.
b. Er heiratete eine von ihnen.
c. Er lobte sie als ein auserwähltes Volk.

11. Welche heilige Schrift fordert, daß die "Kleinen" des Feindes gegen die Steine geschmettert werden sollen?
a. Buch der Psalmen
b. Koran
c. 3. Mose

12. Welche heilige Schrift regt das Schlagen von Frauen an, die sich schlecht benehmen?
a. Koran
b. Briefe des Paulus an die Korinther
c. Buch der Richter

13. Welcher religiöse Führer wird mit der Anweisung zitiert, daß Frauen während der Gottesdienste schweigen?
a. Der erste Dalai Lama
b. Paulus
c. Mohammed

Antworten:
1. b. 5. Mose 22.21.
2. a. Koran 2:256. Andere Abschnitte des Korans beschreiben allerdings Zwang.
3. c. Die meisten frühen Selbstmordanschläge wurden vom tamilischen Hindus (einige davon weltlich) in Sri Lanka und Indien ausgeführt.
4. c. Hadith. Der Islam lehrt, daß Jesus als ein Prophet zu verehren ist.
5. Alle der oben genannten.
6. c. Andere Teile des Alten und Neuen Testaments stellen sich der Homosexualität entgegen, aber es gibt keinen Hinweis auf Jesu Ansichten.
7. c. Koran, 41:34. Jesus sagt genau dasselbe in anderen Worten.
8. b. Amos 9.07
9. alle von ihnen
10. Alle drei Antworten treffen zu. Mohammeds jüdische Frau war in einer Schlacht gewonnen worden, was den Geist der Geste untergräbt. Nach anderen Berichten hatte er noch eine zweite jüdische Frau.
11. a. Psalm 137
12. a. Koran 4.34
13. b. Paulus, in 1. Korinther 14 und 1. Timotheus 2, viele Wissenschaftler glauben allerdings, daß beide Abschnitte nicht von Paulus geschrieben wurden.




Sonntag, 26. September 2010

Nachklang





Unser Korsika-Urlaub wäre unvollständig geblieben ohne den letzten Abend und der tief beeindruckenden Begegnung mit der alten korsischen Musik. Zusammen mit etwa 100 Besuchern in der Kathedrale Èglise Sainte Marie oben in der Zitadelle von Calvi, gleich gegenüber der Kaserne der Fremdenlegion, haben wir gebannt den sieben Männern von „U Fiatu Muntanu“ und ihrer Musik gelauscht und am Ende eine lange Reihe von Zugaben herausgeklatscht. Das wie ein altes Gemälde wirkende schlichte iPhone-Foto oben zeigt die Konzertbesucher beim Betreten der Kathedrale.

Die traditionelle Polyphonie der Korsen stammt wie die meiste gute Musik aus dem Raum der Kirche. Dabei ist sie mit ihren tiefen Bässen ebenso dem Gesang der orthodoxen Popen verwandt wie sie mit ihren hohen Stimmen – einem Bariton als Melodiestimme und einem oft falsettartigen Tenor darüber - und mit ihren eigenartigen Koloraturen an den Gesang von Muezzinen erinnert. Die Männer stellen sich zum Singen in einen Kreis und achten wunderbar sensibel auf einen Gleichklang ihrer Stimmen, der sich oft erst nach tastenden Versuchen einstellt und in einem langsam sich aufbauenden Schlußakkord zum Höhepunkt kommt. Die Sänger halten dabei oft eine Hand muschelförmig an ihr Ohr, um besser zu hören, was sie selbst singen und wie es im Zusammenklang wirkt.

Ein Amateur hat ein kleines Video der Gruppe in YouTube eingestellt, auf dem man Tenor und Bariton in der Mitte des Bildes gut sieht und hört. Die drei Bässe stehen rechts, verdecken sich gegenseitig und sind nicht so gut zu hören. Ihre warmen und unaufdringlichen Stimmen bilden aber immer das Fundament, für das man diese Musik ganz wie von selbst zu lieben beginnt, sobald man ein paar Takte gehört hat. Das Stück hier ist eher einfach und volksliedhaft:



Die Bässe sangen an diesem Abend fast alle ihre Grundarrangements in moll, wobei sie immer wieder sehr variantenreiche Tonsprünge hinüber in andere Tonarten vollzogen und trotzdem in vertrauten Dreiklängen blieben. Ihre Musik war nie langweilig, man merkte es auch den anderen Zuhörern an, daß sie intensiv und gebannt den Klängen lauschten. Die Männer sangen und spielten (auf Standard-Gitarren und Lauten, wenn nicht a-capella gesungen wurde) völlig unprätentiös, hatten nicht einmal Verbeugungen für den Schlußapplaus eingeübt und wirkten gerade so, als ob man sie in ihrem Wohnzimmer beim gemeinsamen Musikmachen besuchte. Ein Teil der Gruppe erschien sogar zu spät zum Konzert, so daß man sich anfangs Sorgen machen mußte, ob das Konzert überhaupt geregelt stattfinden würde.

Am Morgen danach haben Christiane und ich auf der Fahrt zum Flughafen Petru Guelfuccis Corsica, das ich gestern vorgestellt habe, mehrfach gehört und die Verwandtschaft zur Polyphonie festgestellt. Ich habe lange keine moll-Musik mehr gehört, die ihre Zuhörer am Ende so glücklich hinterläßt wie diese von Popen und Muezzinen abstammende Musik der Korsen.




Hier auch der Versuch einer deutschen Übersetzung:

In einem Winkel der Welt
eine kleine Ecke der Zärtlichkeit,
in meinem Herzen, majestätisch,
duftende Reinheit,
Juwel eines Wunders.
Man findet nichts gleiches,
nichts von diese Art,
es ist einzig, allein und geliebt.

Korsika.

Immer beneidenswert
diese Felsen im Meer,
glitzernder Schatz,
heilig wie ein Altar.
Ruhig, sanft wie ein Lamm,
großzügig und einladend,
aber revoltierend und rebellierend,
wenn man das seine verachtet.

Korsika.